Über die Freiheit und das „Eins zu sein mit allem“ – Friedrich Hölderlin und ich – eine Annäherung …

Das Loslassen all der Dinge aus meiner Vergangenheit / das Auslichten, ging einher mit dem Loslassen von etwas zu Ende gelebtem, aber auch von  „etwas sein müssen / etwas darstellen müssen“.

Das war einerseits eine große Erleichterung / ein Aufatmen und tief Luft holen, –  ich spürte und wusste, das Ende war gut so. Andererseits entstand aber auch immer wieder Verunsicherung / eine Leere  – die Frage  „wer bin ich denn jetzt, wenn ich all das nicht mehr bin?“ und mündet jetzt langsam in der kindlichen Freiheit eines „Zu sein, zu leben, das ist genug …“ (Friedrich Hölderlin).

Ich lese zurzeit das Buch „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“ von Christoph Quarch, Philosoph, Autor und Denkbegleiter.

So wie Quarch in seinen kongenialen und interessanten Ausführungen und Erzählungen darauf hinweist – ja, wir brauchen ihn. Obwohl er bis dahin ein Unbekannter war für mich.

Und ich meine, dass viele andere Menschen, nicht nur diejenigen, die Corona mit Ängsten, Unsicherheiten und Lebensfragen konfrontiert hat, ihn auch brauchen könnten. Was könnte hilfreicher sein, als Worte die begeistern, aufwecken und lebendig machen im Angesicht des Todes.

Friedrich Hölderlin ist mehr als nur ein Dichter. Er ist einer, der begeistern kann, weil er den guten Geist zur Sprache bringt, der Menschen wachsen und erblühen lässt – schreibt Quarch. Und ja, er begeistert mich mit seiner Sprache und seinen Worten – jeden Tag ein noch mehr …

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Im Kapitel über die Freiheit schreibt Quarch:

„In der Vorrede zu einem der ersten Entwürfe (Fragment von Hyperion) schreibt er (Hölderlin, M.K.) 1794, auf dem Weg zur Freiheit müsse der Mensch eine exzentrische Bahn zurücklegen zwischen Geburt und Tod. Mit dieser Formulierung greift er einen Topos der damaligen Astronomie auf, mit dem die elliptische Kreisbewegung eines Kometen beschrieben wurde. Eine solche vom Zentrum hinaus zur Peripherie und dann wieder zurück zur Mitte führende Kurve sei auch der Lebensweg des Menschen: eine befreiende Bahn der Menschwerdung im eigentlichen Sinne – eine Bahn von kindlich-unschuldiger Unbewusstheit zum erwachsenen Bewusstsein der Verschmelzung von Natur und Geist:

Es gibt zwei Ideale unseres Daseins: einen Zustand der höchsten Einfalt, wo unsere Bedürfnisse mit sich selbst, und mit unsern Kräften, und mit allem, womit wir in Verbindung stehen, durch die bloße Organisation der Natur, ohne unser Zutun, gegenseitig zusammenstimmen, und einen Zustand der höchsten Bildung, wo dasselbe stattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verstärkten Bedürfnissen und Kräften, durch die Organisation, die wir uns selbst zu geben imstande sind.

Die exzentrische Bahn, die der Mensch im allgemeinen und einzelnen, von einem Punkt (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu sein.

Immer gleich von einem einfältigen, gleichsam vorbewussten, natürlichen, ereigneten Zustand des Eins-Seins mit der Natur zu einem geistdurchwirkten, in Freiheit angeeigneten Zustand der Konvergenz von Natur und Geist: von dem Zustand der kindlichen Unschuld im Arme der Götter – in dem der Mensch vom Wohllaut des säuselnden Hains erzogen wird, die Lüftchen des Himmels mit ihm spielen und er unter den Blumen zu lieben lernt – hin zu jenem Höhepunkt des Lebens, an dem er vor dem Hintergrund aller leidvollen Erfahrungen, die die exzentrische Bahn seines Lebens bereitgehalten hatte, die Rückkehr in den Arm der Götter vollzogen hat und in aller Freiheit und Bewusstheit sagen kann:

Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht.

Der Weg von der vorbewussten, kindlichen Verbundenheit mit dem lebendigen Sein dieser Welt hin zur bewussten Hingabe an das lebendige Sein dieser Welt … (…)

Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden allen Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber stehen oder nicht. (Vorwort zur vorletzten Fassung des Hyperion)

Dieser Frieden alles Friedens ist Hölderlins Formel für die existenzielle Freiheit. (…)

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Nach all den Jahrzehnten des Tuns in meinem reich gefüllten Leben, den von mir in die Wege geleiteten vielen Lebensveränderungen, dem Leben und Erleben der verschiedensten Lebensrollen, bin ich jetzt wieder in meinem Kindheitsgarten. Nicht ganz, aber sehr nahe. Mein Kindheitsgarten ist gegenüber meinem Haus und gleicht dem Garten, in dem ich letzt lebe. 

Und ich nähere mich täglich mehr den Worten Hölderlins an – „eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden …“

Über meinen Kindheitsgarten habe ich in meinem Buch „LebensZeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“ geschrieben:

„ (…) Es ist Frühling und der Apfelbaum ist übersät mit weiß-rosa-roten dicken Blütendolden. Die Bienen und Hummeln summen im und um den Baum.

Aus der Liguster-Hecke kommt das aufgeregte Tschilpen von Spatzen. Sie haben dort, so wie jedes Jahr, ihr Nest gebaut. Der Wäscheplatz leuchtet gelb in der Sonne. Eine volle Löwenzahnkugel neben der anderen. Jede Kugel sitzt auf einem hohlen und doch kräftigen, fleischigen und kerzengeraden Stängel. Auch die Ribiselsträucher haben kleine hellgrüne Blättchen und die Rispen mit den vielen winzig kleinen grünen, harten Ribiselkügelchen sind schon erkennbar. (…)“

Nach diesen frühesten Kindheitserlebnissen des „eins zu sein mit Allem“ – meinem behüteten und ruhigen Leben als Gartenkind – begann ein langer Lebenslauf. Ein Marathon – von einer Station zur nächsten. Nun mit 70 Jahren, habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl stehen zu bleiben.

Auch meine Lebensstationen im Buddhismus / im buddhistischen Kloster / in der Achtsamkeitsmeditation – waren Lebensstationen, nach denen ich wieder weiterging. Jedoch Achtsamkeit und Meditation begleitete mich seither mehr oder weniger regelmäßig. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst im Marathonlauf irgendwann zusammengebrochen. Wer weiß …

„Zu sein, zu leben, das ist genug …“ muss ich erst wieder lernen.

Ich bin dabei.

„Im Zen entdecken wir, dass wir nur durch die vollkommen selbstvergessene Hingabe an unser Tun Freiheit finden können. Für den einen kurzen Augenblick Freiheit von unseren Gedanken, Leidenschaften und Täuschungen. Wenn wir mit dieser Hingabe handeln können, finden wir heraus, dass das Selbst zurückkehrt, obwohl und nachdem wir es durch die Handlung selbst vollständig zerstört haben. Und es kehrt nicht nur zurück, sondern kehrt befreit vom Gepäck der Vergangenheit und der Last der Zukunft zurück.“

(Seigaku Kigen Ekeson Osho, Zen-Meister)

Am Fenster im ersten Stock hat sich in der oberen linken Ecke eine Eternitplatte verschoben. Dahinter nisten Spatzen. Ich sehe die Eltern ein- und ausfliegen und höre das aufgeregte Tschilpen der Spatzenjungen. Ich sitze auf meiner Terrasse und schaue ihnen zu …

Info:

Bild: Peter Krawagna

Das Wort „Auslichten“ habe ich von Cambra Skadé übernommen:

https://cambraskade.blog

Christoph Quarch: Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948206031/Quarch-Christoph/Zu-sein-zu-leben-das-ist-genug

Der Textauszug über meinen Kindheitsgarten aus meinem Buch „Lebenszeichen. Erzählungen übers Älterwerden und mehr …“

https://shop.falter.at/detail/9783990708866

Friedrich Hölderlin: Hyperion

https://www.weltbild.at/artikel/buch/hyperion_21368767-1

Im obigen Text sind Textzeilen aus Hölderlins Gedicht, das er über seine frühe Kindheit schrieb, zitiert:

Da ich ein Knabe war

Rettet’ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

Alle Bücher sind auch in deiner Buchhandlung vor Ort erhältlich!

Ein neuer Divan – Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West





Jenseits aller kulturellen Grenzen …

„Ein neuer Divan – Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West“

Dies ist nicht nur die Überschrift, es ist auch der Titel des von Barbara Schwepcke und Bill Swainson herausgegebenen Buches anlässlich des 200-jährigen Geburtstages des „West-östlichen Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Wieder einmal eine Gelegenheit über die vereinende und verbindende Kraft des interkulturellen Austausches zu reden und zu schreiben.

Der „West-östliche Divan“, erschienen 1819, ist die umfangreichste Gedichtsammlung Goethes und wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert. 1814 las Goethe den von dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall ins Deutsche übersetzten „Dīwān“  von Hafis. 1)

Ein hoher Anteil der Gedichte geht auch auf Goethes Briefwechsel mit Marianne von Willemer zurück, von der auch einige Gedichte des „Divan“ stammen. 2)

Doch, wer hat schon Hafis gelesen?

Stefan Weidner schreibt in seinem Buch „1001 Buch. Die Literaturen des Orients“:

„Dank Goethe ist der Name Hafis jedem Gebildeten vertraut. Aber man liest ihn nicht. Statt ihn und andere orientalische Dichter tatsächlich zu lesen (oder gar zu studieren!) hat eine Pseudo-Rezeption eingesetzt, die Goethes Bemühungen um den Orient als Feigenblatt vor das Desinteresse legt.“ Goethe sei „mit seinem Divan zum Schutzherren für einen west-östlichen Versöhnungsaktionismus mutiert, mit dem die Arroganz des Nicht-Lesens nicht minder als die politische Arroganz kompensiert werden soll“.

Ich denke, er hat recht damit. Obwohl es in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von Übersetzungen aus dem Persischen, Arabischen, Türkischen, etc. gibt – haben sie zumeist geringe Auflagen und eine geringe Anzahl von Leser*innen.

Goethe prägte den Begriff „Weltliteratur“ in seiner Zeitschrift „Kunst und Altertum“ – er verstand darunter die Literatur, die aus einem übernationalen, kosmopolitischen Geist heraus geschaffen wurde.  

Vielleicht – hoffen wir – trägt der lyrische Austausch des „Neuen Divan“ dazu bei.

Die Anthologie des „Neuen Divan“ bietet ein vielstimmiges Panorama der globalen Lyrik und verweist damit auf die „Möglichkeit“ der entgrenzenden Kraft der Literatur.

Der Suhrkamp Verlag zum Buch:

„24 Dichterinnen und Dichter – je 12 aus dem »Westen« und aus dem »Osten« – haben in ihrer Muttersprache ein Gedicht verfasst. Thematisch orientieren sich die Gedichte an den zwölf Büchern des Divan Goethes. Eine Vielzahl prominenter deutschsprachiger Schriftsteller*innen –  darunter Nora Bossong, Elke Erb und Lutz Seiler – haben die Übertragungen ins Deutsche erstellt. Alle Gedichte werden sowohl in der Originalsprache als auch in der Übersetzung abgedruckt. Ergänzt wird der Band durch vier Essays, die sich dem interkulturellen Dialog und der Frage der Übersetzung aus wissenschaftlicher Sicht nähern.“

Vielleicht gelingt sie doch noch – Goethes Vision einer gemeinsamen Menschlichkeit jenseits aller kultureller Grenzen. 

1) Hafis oder (persisch ausgesprochen) Hāfez, geboren um 1315 oder 1325 in Schiras, Iran; gestorben um 1390 ebenda) ist einer der bekanntesten persischen Dichter und Mystiker. Sein bekanntestes Werk stellt der Dīwān dar.

2) Marianne von Willemer, geboren 1784; gestorben 1860; war eine aus Österreich stammende Schauspielerin, Sängerin (Sopran) und Tänzerin. Goethe begegnete Marianne in den Jahren 1814 und 1815 und verewigte sie im Buch Suleika seines Spätwerks „West-östlicher Divan“.. Unter den zahlreichen Musen  Goethes war Marianne die einzige Mitautorin eines seiner Werke, denn der „Divan“ enthält auch – wie erst postum bekannt wurde – einige Gedichte aus ihrer Feder.

Barbara Schwepcke (Hg.) · Bill Swainson (Hg.):Ein neuer Divan – Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West, Suhrkamp Verlag

Erstveröffentlichung auf: http://www.toterwinkel.at/der-herbst-zieht-ins-land-heute-und-gestern/

Ré Soupault und meine Betrachtungen über ihre beeindruckenden Aussagen

Re Soupault

Nach meinen Betrachtungen über die Zitate von Ré Soupault poste ich einen Artikel mit einer kurzen Biografie von Soupault, eine Rezension des Buches mit Briefen, biografischen Texten und Tagebuchpassagen.

Ihr Leben und die drei Aussagen von ihr, die in diesem Artikel erwähnt werden, haben mich sehr beeindruckt.

„Es gibt zwei Wege im Leben: der eine führt nach außen: Karriere, Geltung, Besitz … der andere nach innen: Arbeit, aber ohne Rücksicht auf äußeren Erfolg, schöpferische Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst findet.“

Zwei Wege, präzise definiert. Ich finde mich sofort darin wieder.

Beschreibt sie doch damit meinen inneren Zwiespalt, der mich mein ganzes Leben lang nicht nur begleitet, sonder auch geleitet hat. Ein Zwiespalt der mich den einen Weg gehen ließ, um nach einer Weile wieder den anderen Weg einzuschlagen. Ein ganzes lang – ein hin und her. So manches Mal sehr mühsam und anstrengend. Dann wieder sehr abenteuerlich, aufregend und immer sehr lehrreich. Ich habe beide Seiten kennen gelernt.

 „Die Habsucht ist die Ursache allen Übels.“

Diese Weisheit hat sie anlässlich ihres Sanskritstudiums und der Beschäftigung mit asiatischer Philosophie kennen gelernt. Ich selbst, in meiner Auseinandersetzung mit dem Buddhismus.

Ja, ich kenne sie die „Habsucht“ – das haben wollen und nicht genug kriegen können. Und immer wieder rettete mich dann, dass ich diesen Weg wieder verließ und wieder den Weg nach innen beschritt – „Arbeit, aber ohne Rücksicht auf äußeren Erfolg, schöpferische Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst findet“.

Habsucht und Selbstsucht gehen Hand in Hand.

Solange ich auf der Suche nach mir Selbst bin und versuche, dieses Selbst mit möglichst vielen Dingen im Außen zu stützen, wird es zusammenfallen, wenn mir das genommen wird. Deshalb auch die Ängste von vielen Menschen. Die Versuche, das Angesammelte/ den Besitz zu sichern. Die Bedrohung kommt von Außen – jemand, der/die „meinen“ Mann/ „meine“ Frau  wollen könnte; mein Auto, mein Haus, meinen Job ….

Dabei steht das „mein“ im Vordergrund. „Mein“ als Stützung eines Scheinselbst.

Das Selbst braucht keine Besitztümer.

Ich habe das immer wieder Loslassen gelernt.

Erst angesammelt – Karriere, Geltung, Besitz – und wieder losgelassen.

Das letzte große Loslassen gab es in den letzten Jahren – siehe:

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/28/das-alter-und-ich/

Loslassen und die Unsinnigkeit der Habsucht, habe ich in dem Gedicht zusammengefasst:

Schöne Dinge

In einem

vergangenem Leben

gesammelt

zeugen täglich

von der

Vergänglichkeit

des Lebens

„Der Staat kann die Freiheit nicht ersetzen“

Ré Soupault führt weiter aus: „“Ist Freiheit Reife? Vielleicht umgekehrt. Jedenfalls die innere Freiheit. Aber es muss auch eine politische Freiheit geben. Der Staat kann sie nicht ersetzen. Zu dieser Freiheit gehört die Reife des Bürgers und des Volkes als Ganzes. Darum ist Freiheit wohl das am schwersten Erreichbare.“

Ja, umgekehrt – Reife ist Freiheit. Erst wenn ich reif bin – im Sinne von mir selbst bewusst, und damit ein Selbstbewusstsein entwickelt habe, kenne ich meine Grenzen. Und ich kann sehr genau wahrnehmen, wenn jemand meine Grenzen überschreitet – mich jemand eingrenzt.

Wenn ich meine Grenzen wahren kann, kann ich auch die Grenzen von anderen Menschen wahrnehmen und akzeptieren.

Dies ist ein Thema, das sich von innen – der inneren Freiheit fortsetzt nach außen – der politischen Freiheit. Auf der realpolitischen Ebene ist es ein sehr aktuelles Thema. Freiheiten werden gerade jetzt unter dem manipulativ gebrauchten Thema der „Sicherheit“ eingeschränkt.

Einschränkende Freiheit vermehrt nicht Sicherheit. Aufklärung und Wissen vermehrt Sicherheit.

Wissen ist Macht. Wird deshalb versucht, viele Menschen unwissend zu lassen?

Eigenmacht zu haben ist Freiheit.

Und nun die Rezension von Carsten Hueck, veröffentlicht auf der Internetseite von Radio Ö1:

Ré Soupault – „Nur das Geistige zählt“

Die Ikone der Avantgarde in eigenen Worten: mit Briefen, biografischen Texten und Tagebuchpassagen.

Zwischen ihrer Geburt und ihrem Tod liegt fast das gesamte 20. Jahrhundert: Meta Erna Niemeyer, Tochter eines Metzgers und Pferdezüchters kam 1901 im pommerschen Nest Bublitz zur Welt und starb als anerkannte Fotografin und wiederentdeckte Ikone der künstlerischen Avantgarde unter dem Namen Ré Soupault 1996 in Versailles.

Zwei Wege im Leben

Darüber, was diese Frau gesehen und erlebt hat, gibt nun ein Buch Auskunft: Unter dem Titel „Nur das Geistige zählt – Vom Bauhaus in die Welt“ hat der Heidelberger Verleger Manfred Metzner Ré Soupaults Briefe, biografische Texte und Tagebuchpassagen zu einem Erinnerungsband montiert. Gleich zu Beginn tritt uns eine beeindruckende Frau entgegen: eigenwillig, klug, unsentimental und mit unbestechlichem Blick fürs Essentielle:

„Es gibt zwei Wege im Leben: der eine führt nach außen: Karriere, Geltung, Besitz … der andere nach innen: Arbeit, aber ohne Rücksicht auf äußeren Erfolg, schöpferische Arbeit, die ihren Lohn in sich selbst findet.“

Eine schöpferische Arbeiterin, das war sie: nach den Entbehrungen des Ersten Weltkriegs, die sie als junges Mädchen kennen gelernt hatte, entfloh Erna Niemeyer der bürgerlichen Familie und studierte ab 1921 am Bauhaus in Weimar. Erna Niemeyer empfing hier ihre ersten prägenden Impulse als Künstlerin. Neben Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer wurde sie vor allem Johannes Itten beeinflusst. Dieser war es auch, der bei der jungen Frau das Interesse für asiatische Philosophie weckte. Zwei Semester lang radelte sie wöchentlich von Weimar nach Jena, um an der dortigen Universität auch noch Sanskrit zu studieren.

Die Habsucht ist die Ursache allen Übels.

„Diesem Studium verdanke ich meine Lebensdevise: die Habsucht ist die Ursache allen Übels.“ Solche Sanskrit-Weisheiten fanden später, weil die angehende Künstlerin sich auch für die Form der Schrift begeisterte, Eingang in die abstrakten Farbkompositionen ihrer Teppiche.

Zeichnerin, Journalistin und Modedesignerin

Den Namen Ré erhielt Erna Niemeyer von Kurt Schwitters, als dieser in Berlin den schwedischen Filmvisionär Viking Eggeling besuchte, dem sie damals assistierte. Über Eggeling wiederum lernte sie den Dadaisten Hans Richter kennen: Heirat 1926. Das Bauhaus war da bereits nach Dessau umgezogen und Ré beschließt, mit ihrem Mann in Berlin zu bleiben.

In den Roaring Twenties arbeitet Ré Richter als Zeichnerin und Journalistin für den Berliner Scherl Verlag. 1929 gründet sie in Paris ein Modestudio, entwirft erfolgreich sportliche Alltagsmode für die moderne Frau, erfindet den Hosenrock, das Schürzenkleid – und das Transformationskleid.

Verwandlung des Kleides

„Ich ging immer von einer konkreten Idee aus: Eine Sekretärin oder eine Verkäuferin , die abends nach der Arbeit ausgehen möchte, aber nicht vorher nachhause gehen kann, verwandelt ihr Kleid, das sie tagsüber mit einem kleinen Kragen oder einer bescheidenen Brosche getragen hat, in ein Abendkleid, indem sie den Reißverschluss, der bis zur Taille zu öffnen ist, nach innen kehrt, rechts und links mit Klips befestigt und in den bis zur Taille zugespitzten Ausschnitt einen Einsatz anbringt, je nach Wunsch aus Brokat oder aus weißem Piquet.“

Übersiedlung nach Tunis, Flucht nach New York

1933 lernt Ré auf einem Empfang der russischen Botschaft den surrealistischen Dichter Philippe Soupault kennen. Mit ihm reist sie durch die Welt. Sie beginnt zu fotografieren, illustriert Philippes Reportagen. Wenige Jahre später wird er ihr zweiter Ehemann. Europa steht da bereits im Schatten heraufziehender Katastrophen. Ré zieht mit ihrem Mann nach Tunis. Philippe Soupault soll dort im Auftrag der französischen Regierung ein antifaschistisches Radioprogramm organisieren.

Die Niederlage der Franzosen gegen Nazideutschland bringt das Paar in akute Gefahr, Philippe wird verhaftet, ihr Haus beschlagnahmt, später zerstört und geplündert. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika gelingt den Soupaults die Flucht nach New York. Nach Kriegsende trennen sie sich und Ré beginnt, sich eine Existenz als Übersetzerin und Journalistin aufzubauen. Sie bereist Mittel- und Südamerika sowie das von den Kriegsfolgen gezeichnete Europa. In ihrem Tagebuch notiert sie:

„Der Staat kann die Freiheit nicht ersetzen“

„Ist Freiheit Reife? Vielleicht umgekehrt. Jedenfalls die innere Freiheit. Aber es muss auch eine politische Freiheit geben. Der Staat kann sie nicht ersetzen. Zu dieser Freiheit gehört die Reife des Bürgers und des Volkes als Ganzes. Darum ist Freiheit wohl das am schwersten Erreichbare.“

Ré Soupault pendelt zwischen New York, Basel, Paris und Berlin. Heute würde man ihre Lebensweise als prekäre Existenz bezeichnen. Auch wenn sie im Atelier von Max Ernst wohnt und den Literaturnobelpreisträger Romain Rolland übersetzt, ist es alles andere als schillernd. Sie selbst aber beschreibt in den Erinnerungen, die ungefähr 1950 enden, ihr Leben als das einer schöpferischen und arbeitenden Frau.

Ein beeindruckendes Zeitdokument

Die Lektüre dieses Buches gebietet Respekt vor der Autorin. Vor ihrer Leistung als Künstlerin, ihrem bodenständigen Lebenswillen, dem Mangel an Klagen. Trotz des Wechsels von einem Leben als anerkannte Künstlerin zu dem eines auf sich selbst gestellten Flüchtlings, dessen Welt in Trümmern liegt, scheint Ré Soupault mit sich selbst eins zu sein.

Ihre Erinnerungen verdeutlichen ihre Persönlichkeit, ihre Neugier und Wahrnehmungsfähigkeit, ihr Urteilsvermögen. Doch vermitteln sie durch Detailschärfe und immer auch einen ausreichend erhellten Hintergrund einen tiefen Eindruck von der Atmosphäre jener Tage zwischen dem Beginn des Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Service

Ré Soupault, „Nur das Geistige zählt – Vom Bauhaus in die Welt. Erinnerungen“, Herausgegeben von Manfred Metzner, Verlag Wunderhorn

https://oe1.orf.at/artikel/646351

 

Konstantin Wecker und ich …

Als ich letzten Sonntag Konstantin Wecker vier Meter vor mir auf der Bühne sitzen sah, ihn anschaute und ihm zuhörte, dachte ich mir: „Wir sind gemeinsam alt geworden – ich mit ihm oder er mit mir.

Ich sehe ihn und mich, wie wir vor 35 Jahren waren – die ungestüme, hemmungslose, und auch maßlose Lust auf das Leben, die Sucht – auf der Suche. Und heute – wenn es Not tut, noch immer ungestüm, aber nicht mehr maßlos; das Wissen, dass die Suche eine Suche nach dem Urgrund des Seins war und ist. Weißhaarige Silberrücken.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da hörte ich ihn täglich – so manches Mal den ganzen Tag über, weil ich die Unterstützung seiner Gedanken und Lieder brauchte. Eine Unterstützung die mich stärkte und mir wieder Mut machte.

Letzten Sonntag also, war er in den Sonntagsgesprächen im Volkstheater in Wien. Illija Trojanow lädt ein – und das Thema war: „Anarchismus – Ein unbändiges Ideal.“ Wecker als Vertreter eines Aspektes der anarchischen Tradition – „der Poesie einer radikal humanen Haltung.“ Und diese Haltung hat er nach wie vor – und ich mit ihm …

„Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit.“ – der Buchtitel, Kösel-Verlag. Lesenswert!

Zwei Rebellen und ihre Anstiftung zum Einmischen.
Sänger und Poet Konstantin Wecker und der amerikanische Zen-Meister Bernard Glassman Roshi sprechen über weises Handeln in einer gefährdeten Welt. Wie kann der Einzelne wirklich etwas in der Welt verändern? Braucht soziales und politisches Engagement eine spirituelle Quelle, um langfristig etwas zu bewegen? Bleibt Spiritualität ohne aktives Tun für andere bloße Nabelschau?

 

https://www.randomhouse.de/ebook/Es-geht-ums-Tun-und-nicht-ums-Siegen/Konstantin-Wecker/Koesel/e375075.rhd

Die Kraft des Alters

Joyce Tennesen, Christine Lee 2012

Bild: Joyce Tenneson, Christine Lee 2002

Ausstellung im Belvedere Museum Wien, 17. November 2017 – 4. März 2018

Das Belvedere widmet sich in dieser Ausstellung dem gesellschaftlich hochaktuellen Thema des Alters. Es ist die erste umfassende museale Schau, die historische und aktuelle künstlerische Positionen zu diesem Thema gegenüberstellt. Der Blick wird dabei auf die Geschlechterrollen, auf die gesellschaftlichen Rollenzuweisungen und auf die Solidarität zwischen den Generationen gelenkt. 

eric fischl, frailty is a moment of self reflextion 1996

Bild: Eric Fischl, Frailty is a Moment of Self Reflection, 1996

Der Alterungsprozess wird in der öffentlichen Wahrnehmung heute in erster Linie als Defizit angesehen. Begriffe wie „Anti-Aging“ vermitteln den Eindruck, Altern sei etwas Pathologisches. Der vorherrschende Jugendlichkeitskult bemüht sich, die Spuren des Alterungsprozesses auszublenden. Jenseits der negativen Stereotype bedeutet Alter aber auch Macht, Erfahrung, Lebensweisheit, Kontemplation, Lebenslust und Triumph über gesellschaftliche Konventionen. Alter ist nicht nur ein biologischer Prozess, sondern immer auch eine kulturelle Konstruktion, deren Untersuchung sich junge Wissenschaften wie die Kulturgerontologie widmen.

Kuratorin Sabine Fellner zeigt in der Ausstellung, wie es Künstlerinnen und Künstlern gelingt, Chancen und Grenzen des Alterns jenseits von Altersverklärung und Pessimismus differenziert wahrzunehmen. In den präsentierten Arbeiten veranschaulichen Kunstschaffende, wie das Alter mit all seinen Facetten auf wertschätzende Weise in unser Leben integriert werden kann. Neben zahlreichen Werken aus der Sammlung des Belvedere zeigt die Schau hochkarätige Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen.

https://www.belvedere.at/kraft_des_alters