Vom Tun zum Sein

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 Ich schenke mir dieses Jahr

Ich werde am Flussufer sitzen und alles vorbeischwimmen lassen, was vorbeikommt.

Auf jedes Ding, auf jeden Baum, auf jeden Ast, auf jedes Stöckchen, das vorbeischwamm, bin ich aufgesprungen. War ja alles so interessant, so lustig, so spannend. War es auch. Nicht immer, aber oft. Jedes Angebot für eine Teilnahme, jedes Interesse für ein Projekt, eine Initiative – ich lasse sie weiter schwimmen …

Dieses Jahr nur für mich.

Nun ist die Zeit des Sitzens und Zuschauens gekommen. Die Zeit zu sitzen / zu sehen / zu lauschen / zu spüren / zu Sein.

Basti, mein verstorbener Kater. Mein Lehrmeister. Stundenlang konnte er bewegungslos sitzen. Manchmal mit geöffneten Augen, manchmal mit geschlossenen. Man wusste nie – schaut er / sinniert er / meditiert er / schläft er vielleicht …

Wer nun meint, dass dies sehr angenehm und bequem sei, der irrt.

Alle, die je meditiert haben, merkten, dass es – zumindest am Beginn – sogar sehr unbequem werden kann. Der Körper, der sich dauernd bewegen möchte. Die Gedanken auch. In alle Richtungen laufen sie auseinander – in die Vergangenheit, in die Zukunft. Nur weg. Und wenn sie in der Gegenwart sind, dann beschäftigen sie sich damit, wie unbequem das jetzt sei und – was es doch alles zu tun gäbe. Dass doch alles viel wichtiger sei, als hier zu sitzen und nichts zu tun.

Dabei tut sich doch gerade so viel. Wahrnehmen was ist. Der Rücken schmerzt / die Nase juckt / ein Bein schläft ein. Der Körper widerstrebt. Der Geist widerstrebt. Die Gefühle widerstreben. Alle wollen nur fort.

Fort wovon? Vom Sein.

Vom Sein im Hier und Jetzt.

Jetzt – während ich diese Zeilen schreibe:

Morgendämmerung

Auf einem Ast vor meinem Fenster

Ein Vogel zwitschert

Nichts sonst

 

Sehen / hören / wahrnehmen / innerlich still bleiben / nicht von den Gedanken wegtragen lassen / jetzt DaSein / nichts sonst …

 

Wie lernen wir uns kennen?

Wenn wir aufhören zu Tun im Außen / uns abzulenken.

Dann merken wir, welcher Trubel innerlich ist.

Solange wir uns im Trubel außen aufhalten und beschäftigen, merken wir den inneren Trubel nicht.

Innehalten / DaSein / Ein Vogel zwitschert / Nichts sonst

 

Manche Menschen beschäftigen sich pausenlos im außen und lernen sich daher nicht kennen. Wollen es vielleicht auch nicht. Ist eine Entscheidungssache, ob das jemand will oder nicht. Menschen entwickeln sich sehr unterschiedlich.

Manchen wird die Entscheidung abgenommen oder aufgedrängt. Je nachdem, wie man das sehen will. Sie werden lebensbedrohlich krank. Sie haben einen schweren Unfall. Eine schwere Behinderung. Und sie sind gezwungen, eine ganze Weile nichts zu tun. Im Außen. Innerlich tut sich sehr viel.

Viele Menschen erleben gerade in dieser Zeit eine Wandlung. Sie verändern sich.

Sie beginnen das Leben zu schätzen – weit mehr als sie es vorher taten. Oder jetzt erst recht. Sie strahlen. Sie strahlen Freude und Lebenslust aus. Nicht alle. Aber viele.

 

Tiefgreifende Veränderungen passieren dann, wenn man sich neu fragen muss:

Was ist wichtig in meinem Leben? Wo will ich hin?

 

Da gilt es erst mal herauszufinden, was das Wesentliche und das Wichtige denn ist.

Und diese Frage gilt es immer wieder neu zu stellen. In jedem Alter.

 

Vieles von dem war wir tun, ist einfach Ablenkung.

Ablenkung vom Wesentlichen.

Ablenkung vom Wichtigen.

 

Wenn die Ablenkung im Außen aufhört, passiert Innerlich sehr viel.

Freude und Schmerz. Beides kann schön sein, wenn wir uns ganz tief und unmittelbar auf diese Gefühle einlassen.

Ich trauere um meinen Kater. Und der Schmerz ist groß. Je mehr ich mich auf diesen Schmerz einlasse, ihn zulasse, desto mehr spüre ich mich.

Ja, das ist jetzt mein Gefühl. Tiefer Schmerz. Und irgendwann wird er wieder zu Ende sein. Und irgendwann wird wieder Freude da sein.

 

Jetzt

Trauer und Schmerz

Nichts sonst

 

Keine Ablenkung

Nun ist es Zeit zu spüren / zu sehen / zu lauschen / zu Sein.

 

 

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