Ein Abschied

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Die Schneedecke im Garten glitzert im Sonnenlicht.

Mein Kater hat noch drei Stunden zu leben. Er schläft unter seiner Lieblingsdecke. Er hat heute nichts mehr gefressen.

Ich erinnere mich.

Als mein Sohn mit seiner Familie noch in Wien wohnte, fanden sie ihn auf der Straße. Er war offensichtlich ausgesetzt worden. Die Kinder nannten ihn Basti. Ich hatte Respekt vor ihm und vermied den Kontakt. Einerseits suchte er körperliche Nähe – wenn man ihn hielt knabberte er am Ohrläppchen und trenzte einen ganz nass. Sein zweiter Name war daher „Trenzerling“. Andererseits wusste man nie, wann ihm der Körperkontakt reichte und er einfach zubiss.

Vor ca. 9 Jahren übersiedelte die Familie von Wien nach St. Pölten, in ein Haus, das gegenüber dem Haus meiner Mutter liegt. Die Katzenfamilie erweitere sich nach und nach auf fünf Katzen. Dazu kam noch ein Hund. Basti ist eher ein Einzelgänger und zog in das Haus meiner Mutter ein. Meiner Mutter war das anfangs nicht recht. Sie betonte immer wieder „Mir kommt keine Katze mehr ins Haus“. Da kannte sie noch nicht die Beharrlichkeit von Basti. Sie schmiss ihn immer wieder raus und er kam umgehend wieder.

Sie gab auf und hatte eine Katze. Er trenzte weiter. Sein Beißen allerdings wurde weniger und leichter. Er biss nicht mehr so fest zu.

Vor vier Jahren zog auch ich nach St. Pölten. In das Haus meiner Mutter. Sie war an Krebs erkrankt. Und – ich freundete mich langsam an mit diesem eigenwilligen Kater. Meine Mutter schlief tagsüber sehr viel und der Kater auf ihr unter seiner Decke. Legte sie sich einmal nicht zu der üblichen Zeit hin, lief er ihr solange nach und maunzte, bis sie sich hinlegte. „Der Kater kommt mir nicht ins Bett“. Manchmal merkte sie es gar nicht, dass er ganz unten bei ihren Füßen lag. Und somit wurde das sein Platz. Meine Mutter starb vor zwei Jahren.

Ich baute mir ein Haus im Garten meines Sohnes. „Mir kommt keine Katze ins Haus!“ Es dauerte nicht sehr lange, bis Basti in mein Haus einzog. Auch ich mache jetzt täglich ein Mittagsschläfchen und er liegt auf mir unter seiner Decke. Auch bei mir liegt er im Bett bei den Füßen. Auch ich machte halbherzige Versuche, ihn nicht in mein Bett zu lassen, doch kannte ich ihn doch schon sehr gut. Basti knabbert nach wie vor gerne an meinen Ohren. Er trenzt mich von oben bis unten voll. Doch er beißt schon lange nicht mehr.

Nachdem es ihm seit einem Jahr immer schlechter geht, stellte die Tierärztin fest, dass auch er Krebs hat. Einen Tumor, der schon längere Zeit in ihm gewesen sein musste, denn er war nicht mehr behandelbar. Nun haben wir dieses Jahr mit viel Liebe und Betreuung verbracht.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo die schlechten Phasen die guten überwiegen.

Und bevor die Schmerzen zu groß werden, werde ich ihn heute gehen lassen …

Doch meine Trauer ist sehr groß – um diesen eigenwilligen und liebevollen Kater Basti.

19 01 2017

 

 

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