Eine Weihnachtsgeschichte – Die Alte Kaiserin und das Kleine Ich

Das Kleine Ich sitzt nun schon jahrelang in einer Ecke und ist traurig. Die Arme hat sie um ihre Beine geschlungen und den Kopf darauf gelegt. Immer wieder will sie sich erheben und die Liebe und Freude ihres Herzens teilen, – und sinkt erschöpft zurück.

Die Alte Kaiserin betrachtet sich im Spiegel. Sie bestaunt sich selbst und ihre wundervollen Kleider. All die Pracht. Sie lässt sich bestaunen. An ihr Herz hat sie schon lange nicht mehr gedacht und es auch nicht mehr gespürt. Papperlapapp – Kinderkram …

Und dann passierte Folgendes und damit beginnt unsere Geschichte.

Die Alte Kaiserin ist nackt.

So wie sie damals in diese Welt kam.

Sie traut sich nicht hinaus in die Welt – schutzlos fühlt sie sich.

Sie kann nicht mit Menschen sprechen. Sie kann es nicht.

Alte Sprachmelodien – die Sprache der Macht – drängt sich auf ihre Lippen und sie verschließt ihren Mund. Nein, so nicht mehr.

Die neue Melodie – die Sprache des Herzens ist noch ungewohnt.

Und meistens ist sie begleitet von tränennasser Traurigkeit.

Sie versucht. Sie übt. Sie stolpert.

Sie hat ihre Kleider abgelegt. Eins nach dem anderen.

Viele Schichten der Pracht, des Prunk und der Großartigkeit.

Mühsam war das ablegen.

Lange hat es gedauert.

Erst schien es ihr, als ob sie selbst die Kleidung wäre.

Als ob sie in ihre Haut eingewachsen wäre.

Die Ablösung tat weh. Sie schmerzte.

Und Angst ergriff sie.

Ein kleines Mädchen schrie „Schaut, die Kaiserin ist nackt“.

Und dann schämte sie sich.

Stand da.

Ohne Kleider.

Nackt und bloß.

Und plötzlich – so nackt und bloß – erinnert sie sich an die Zeit als sie noch nicht Kaiserin war.

Als sie liebte, lachte, tanzte und sang.

Doch irgendwann war es geschehen.

Sie weiß genau wann und warum.

Doch wir müssen das nicht wissen. Alles muss nicht erzählt werden.

Doch von da an, von dem wir nichts wissen, brach sie die Herzen reihenweise.

Bewunderung war ihr Lebenselixier

Bewunderung war ihr täglich Brot

Wisst ihr, dass Bewunderung süchtig machen kann?

Wisst ihr, dass Bewunderung einsam machen kann?

Es war ein Weinen und ein Schluchzen in ihr.

Gefallene Träume.

Immer wieder erhob sich die dunkle Göttin Kali in ihr.

Kali, die Göttin des Todes und Zerstörung. Aber auch der Erneuerung – doch die kommt später …

Kali trägt eine Halskette mit abgeschlagenen Schädeln.

Die Alte Kaiserin trug stolz eine Halskette mit gebrochenen Herzen

Ihr eigenes Herz behielt sie ganz für sich

Nun geschah es, dass sie in ihrem Leben keinen Trost mehr fand.

Freude kannte sie schon lange nicht mehr.

Sie hatte sich viele schöne Kleider und Sachen gekauft.

Sie wohnte nicht, sie residierte – kaiserlich eben.

Sie aß und trank in teuren Restaurants und logierte in den besten Hotels.

Sie kaufte und kaufte und kaufte …

Alle sollten sehen wie erfolgreich sie war und wie gut es ihr ging.

Doch Freude kann man nicht kaufen.

Die Alte Kaiserin wollte klug und intelligent sein und alle sollten das merken. Sie las viele kluge Bücher. Sie betrat mit Ehrfurcht das große, jahrhundertealte Haus in dem alles Wissen gelehrt wurde. Sie wurde zu Symposien eingeladen und hielt Vorträge vor vielen Menschen. Sie sprach viel Kluges und viele Menschen hörten ihr zu und suchten ihren Rat. Doch auch Klugheit allein macht nicht glücklich …

Die Alte Kaiserin hatte lange nicht bemerkt wie sehr sie damit beschäftigt war großartig zu sein. Und überheblich, – sie erhob sich über all die anderen. War sie doch überzeugt und für so manche auch überzeugend, dass sie alles wusste und alles kannte.

So lebte sie.

Sehr lange Zeit.

Wann geschah es, dass sie merkte, das sie nicht glücklich war?

Wann geschah es, dass sie merkte, dass sie keine Freude empfand?

Wann geschah es, dass sie merkte, dass sie die Wunder der Welt nicht mehr sah?

Vielleicht geschah es, als sie müde wurde, sehr müde.

Es macht müde, die ganze Zeit großartig sein zu müssen.

Es macht auch müde, immer besser und klüger sein zu müssen.

Und es macht sehr müde, sich immer wieder beweisen zu müssen.

Und vor allem macht es müde, sein Herz zu verschließen.

Sie erkannte sich selbst nicht mehr.

Und sie erinnerte sich …

Da war doch was …

Damals …

Und weil sie doch so müde war, die Alte Kaiserin.

Und die vielen Kleider und alles was sie besaß, viel zu schwer an ihr hingen, fing sie an, sich vorsichtig davon zu befreien.

Erst ganz langsam.

Und als sie merkte, dass es immer leichter wurde – mit jedem Stück, dass sie losließ, machte sie weiter – bis sie nackt und bloß war …

Und als sie nackt war, ganz nackt – fing sie an, ihre inneren Räume auszukehren, obwohl sie sich in manche erst einmal gar nicht hinein wagte. In manche Räume ging sie mit einem leisen Entsetzen und sie brauchte sehr lange, um diese Räume auszukehren.

Und doch gab es auch ihren Schatzraum, der bis oben angefüllt war mit Lebensschätzen. Mit Liebe und Glück und Frohsinn und Lachen.

Und das freute sie doch ein kleines bisschen.

Und dann auf einmal – geschah es …

Das Kleine Ich war aufgestanden und lugte um die Ecke.

Und die Alte Kaiserin erkannte das Kleine Ich.

Lange hatte sie sie nicht gesehen.

Und es überkam sie wieder eine tränennasse Traurigkeit.

Und gleichzeitig erhob sich das Kleine Ich und lächelte sie an.

Ach – war das süß, dieses Lächeln …

Die Alte Kaiserin hätte nun gesagt – Papperlapapp, Kinderkram …

Aber die Alte Kaiserin gibt es nicht mehr.

Ohne ihre voluminösen Machtkleider ist sie machtlos.

Und sie erkannte das Kleine Ich.

Das kleine Mädchen von damals.

Die keine Ameise zertreten wollte.

Die sich über das Erblühen jeder Blume freute und wie ein Wunder begrüßte. 

Das Kleine Ich ist die Freude.

Das Kleine Ich freut sich darüber dass sie ist. Einfach so.

Sie freut sich dass sie am Morgen aufsteht.

Sie freut sich am Abend aufs Einschlafen und ihre Träume.

Sie freut sich über jede Blume, jede Biene / über den Schnee auf dem Dach und die langen Eiszapfen.

Sie freut sich über ihr einziges Kleidchen und ihren warmen Pyjama.

Sie freut sich über jeden Menschen dem sie begegnet und begrüßt ihn mit strahlenden Augen.

So ist das Kleine Ich.

Und die alte Göttin, die dunkle Kali, steckt ihre abgeschlagenen Schädel und gebrochenen Herzen weg und wird zur Erneuerin.

Und die goldene Göttin Aphrodite, die das Lächeln so liebt, zeigt sich und streut Blüten auf ihren Weg.

Jahrelang hatte das Kleine Ich darauf gewartet. Sehnsüchtig.

Und sie strahlte und war voll Freude, als sie sich zum ersten Mal der alten Kaiserin zeigte.

Und die Alte Kaiserin – ihr wisst schon – tränennasse – nein, diesmal nicht Traurigkeit, – sondern tränennasse Freude!

Das Kleine Ich umarmte sie und drückte sie an ihr kleines Herz, das auf einmal so groß war, dass die Alte Kaiserin darin Platz hatte und sie sich ganz warm, geliebt und aufgehoben fühlte.

Das Kleine Ich nahm sie an der Hand und führte sie hinaus ins Freie.

Dunkel war es bereits. Die ersten Sterne am Himmel.

Und kalt war es. Klirrend kalt.

Doch die Alte Kaiserin spürte diese Kälte nicht an der Hand des Kleinen Ich.

Und die alte Kaiserin erinnerte sich, dass ihre Großmutter, die vor ihr eine strenge Kaiserin gewesen war, gesagt hatte, wenn sie einmal gestorben sei, werde sie ein Stern am Himmel sein und die alte Kaiserin, die damals noch das Kleine Ich war, werde sie immer sehen können, wenn sie nachts in den Himmel schaue.

Und als die Alte Kaiserin an der Hand des Kleinen Ich in den Himmel schaut, sieht sie auf einmal einen Stern blinken, und er hört nicht auf zu blinken und wird immer größer.

Ja, Großmutter, sagt sie, jetzt wird alles gut …

Ach du meine Güte -, sagt die Alte Kaiserin zum Kleinen Ich – ich dachte ich wüsste alles über das Leben und jetzt merke ich, dass ich nichts weiß. Sie zwinkert dem Kleinen Ich zu und sagt, – und jetzt werde ich nicht schon wieder die Schlaumeierin sein und sagen, wer das gesagt hat …

Ich bin die Alte Kaiserin, – denn das war ein Teil meines Lebens.

Ich bin aber auch das Kleine Ich das ich einmal war und jetzt wieder sein werde. Und gemeinsam werden wir – so wie damals – am Fenster stehen und auf das Christkind warten. Nur, – wenn sich die Tür öffnet, werde ich nicht auf die Knie fallen und auf den Knien zum Christbaum rutschen so wie damals, – das halten meine alten Knie nicht aus.

Und die Alte Kaiserin und das Kleine Ich zwinkern sich zu und lachen aus vollem Herzen. Gemeinsam.

Bild: Die Sternennacht von Vincen van Gogh

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