Elsa von Freytag-Loringhoven – die unbekannte Dadaistin

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Elsa von Freytag-Loringhoven, 1874 – 1927, war eine deutsche Künstlerin des Dadaismus. In New Yorker Künstlerkreisen nur als die „Baroness“ bekannt, machte sie sich von 1913 – 1923 einen Namen als Galionsfigur des weiblichen Dada. Der Newy York Dada (1915 – 1923) war daran interessiert, Geschlechteridentitäten zu durchbrechen. Dabei spielte Elsa von Freytag-Loringhofen eine besonders wichtige Rolle, denn die exzentrische Diva stilisierte sich selbst zum außergewöhnlichen Kunstwerk.

Sie wurde als Else Hildegard Plötz, 1874 in Swinemünde in eine bürgerliche Familie hineingeboren, schrieb ihre ersten Gedichte als Zwölfjährige. In der Astgabel eines Walnussbaums sitzend. Mit 19 Jahren entfloh sie dem kleinen Provinznest und dem gewalttätigen Vater und ging nach Berlin. Mit ihrem zweiten Mann Paul Greve ging sie 1910 nach Kentucky, mit ihrem dritten Ehemann Baron Leopold von Freytag-Loringhoven nach New York. Ab 1913 wurde Manhattan zum Kosmos der Dichterin.

Während sie in Berlin ihrem 50. Geburtstag entgegensah, beschrieb sie in einem Gedicht ihre Erfahrung mit den Wechseljahren: „Frauwissen verließ mich / … Ich bin frei – / nutzlos als / Vergrößerungsglas.“ Sie begrüßte die Absage an die sexuelle Gier, die sie in Leben lang beherrscht hatte. Für sie war das Alter auch eine Befreiung davon, den Männern als ein lebendes Vergrößerungsglas für ihr Ego zu dienen.

Walküre

Viel weiß ich –

Frauenwissen verließ mich !

Frausein ließ mich allein –

Zur UNFRAU –

Mit dem Manne.

Mann – unfrei –

Will Unfreies !

Ich bin frei –

Nutzlos –

Als

Vergrößerungsglas –

Für

Einen

Held –

Frei –

Uneitel – – –

Mein – – –

BIST

DU !?

(Elsa von Freytag-Loringhoven, 1923)

Ihr Zeitgenosse William Carlos William besangt die Liebe; Elsa von Freytag-Loringhofen bedichtete ohne Scham den Koitus. Mit einem Ruck riss sie den romantischen Schleier herunter, entblößte den nackten Körper mit seinen Gerüchen und Gelüsten und brachte ihn mit geübter Hand zum ekstatischen Pulsieren. Eine derart erotisch aufgeladene Dichtung war man zu Beginn des 20. Jhdt. nicht gewohnt, schon gar nicht von einer Frau. Es wundert nicht, dass selbst avantgardistische Zeitschriften damals nicht wagten, diese Gedichte zu drucken.

ICH BIN 50

So zeitig im Frühling – ich bemerke meinen Schulterschweiß

Solch reifen – durchdringenden – üblen – ehrlichen Duft –

Wie fortgeschrittenen Kadaver – mit frischer Myrrhe gestopft

Mumie los geht’s – vielleicht.

(MUTMASSUNG)

Auszüge aus dem Buch: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven, Herausgegeben von Irene Gammel, edition ebersbach

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