Raureif

Heute beim Hundespaziergang – es ist klirrend kalt und silberner Raureif bedeckt die Dächer, verzaubert Wiesen und Felder und die Äste der Bäume; auf den Feldern äsen Rehe – und über allem der Nebel.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich mich mit dem Winter angefreundet habe. Vielleicht hat es auch mit meiner Hündin Samy zu tun – sie findet jedes Wetter schön – und ich mit ihr. Wenn sie sich freut, freue ich mich auch …

Also, ich habe mich arrangiert – mit dem Winter genauso wie mit dem Älterwerden. Und doch gibt es da einen Teil in meiner Seele … Während Samy und ich dahin wandern, sie schnüffelt an jedem Grashalm, ich schaue den Rehen zu, bewundere den Raureif, genieße mit jedem Atemzug die kalte Luft – und plötzlich / plötzlich merke ich, dass ich vor mich hinsumme / ja, ganz leise die ersten Zeilen singe – nein, kein Weihnachtslied – ich singe:

Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen,

das Licht wäre mollig und die Luft nicht mehr grell.

Ich käme gut aus mit mir, und wir würden den Tag rausschwitzen.

Dann könnt ich dich lieben, eventuell ….“

Ah ja, ich muss lächeln – „von rausschwitzen“ keine Spur, jedoch ein wunderschönes Liebeslied von Konstantin Wecker, das ich sehr liebe. Ich summe weiter und lächle …

Als wir nach Hause kommen und jetzt auch – ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue zum Fenster raus – schneit es in dicken Flocken …

Hier der Text eines meiner Lieblingslieder von Konstantin Wecker und ein Link:

Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen,

das Licht wäre mollig und die Luft nicht mehr grell.

Ich käme gut aus mit mir, und wir würden den Tag rausschwitzen.

Dann könnt ich dich lieben, eventuell.

Und dann breit ich mich

einfach aus in dir,

wir werden wesentlich,

und dann leben wir.

Und dein Lächeln fällt in kleinen Bissen

herab zu mir.

Ich möcht gegen Abend mit dir auf behäbigen Pferden reiten,

und das Land, das Land zerfließt unter unserem Schritt.

Die Sonne stirbt wie ein Tier, und man sieht sie die Augen weiten.

Und wir ziehn in ihr Rot und sterben mit.

Und dann breit ich mich

einfach aus in dir,

wir werden wesentlich,

und dann leben wir.

Und dein Lächeln fällt in kleinen Bissen

herab zu mir.

Konstantin Wecker trat am Abend des 6. 9. 1985 im Garten des Metropol in Wien auf. Hier das Lied: „Liebeslied“

Plaudereien aus dem Spinnkästchen

Ich liebe Spinnen.

Und ich frage mich, wird vielleicht deshalb – aus meiner Liebe zu den Spinnen – mein Haus eingesponnen? Innen und außen weben sie unaufhörlich und unermüdlich ihre Netze.

Zwei Große Zitterspinnen (fälschlicherweise oft als Weberknecht bezeichnet) sitzen seit Wochen an meiner Zimmerdecke. Regungslos. Leben sie noch? – fragte ich mich. Sah ich sie doch immer am gleichen Platz, so dass ich vorsichtig den Besen balancierend bis auf wenige Zentimeter in ihre Nähe kam, und sie schnellstens auf ihren langen Spinnenbeinen in die Ecke verschwanden. Aha, sie leben! Und wie sie leben! Sie weben ihre Netze nicht nur an den Zimmerdecken, sie weben meine Bilder ein, den CD-Ständer und alles, was ihrer Meinung nach eingenetzt gehört.

Hauswinkelspinnen habe ich wenige, da sie dunklere und feuchte Orte lieben, und von denen gibt es wenige in meinem Haus. In einer Ecke des Badezimmers, versteckt hinter einem Regal, habe ich eine entdeckt, und ich lasse dort in Ruhe. Manchesmal beim Duschen wird das Netz etwas nass und die glitzernden Wassertropfen machen die ganze Schönheit des Netzes sichtbar. Vergleichbar mit den diamantfunkelnden Nebeltropfen auf einem Spinnennetz beim Sonnenaufgang.

Und nun zu meiner Lieblingsspinne – der Gartenkreuzspinne. Sie legt mit zunehmendem Alter ihr Fangnetz hauptsächlich in den Nächten an. Ihre großen, akkuraten und imposanten Radnetze sind unübersehbar. Besonders im so genannten „Altweibersommer“. Der Begriff „Altweibersommer“ bezieht sich jedoch nicht, wie die meisten annehmen, auf ältere Frauen, sondern er stammt aus der germanischen Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. Die im Sonnenlicht glänzenden Fäden sehen aus wie silbergraue Haare. Es heißt, es seien Lebensfäden, die den Schicksalsgöttinnen verloren gegangen seien. Es gibt viele Geschichten um den „Altweibersommer“.

Wenn ich am Haus vorbei und durch den Garten gehe, freue ich mich über diese Lebensfäden der Göttinnen, die sich in meinem Haar verfangen. Sollen doch jene Menschen, an denen die Fäden hängen bleiben, stets Glück haben.

Ob es nun Spinnfäden der Gartenkreuzspinne sind, oder die Spinnfäden der fliegenden Spinnen – auch „Seiden-Floß“ genannt, weil sie damit hunderte von Kilometer weit durch die Luft fliegen, ist egal. Die Spinnenetze sind überall – an Gräsern, Büschen, Zäunen und am Haus.

Eine der Gartenkreuzspinnen hat den Außenspiegel von unserem Auto dazu erkoren, ihn mit ihrem Spinnennetz zu überziehen. Und dieses Spinnennetz fährt mit uns mit. Auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn – das Spinnennetz hält. Wo sich allerdings in dieser Zeit die Spinne aufhält, habe ich noch nicht herausgefunden.

Und so dürfen die Spinnen mein Haus einweben. So hie und da, eher selten, entferne ich die größten Gespinste in meinen Räumen – sie sind sowieso bald wieder da.

Der Dichter Issa drückt es in einem Haiku so aus:

Keine Angst, ihr Spinnen

ich fege nur

gelegentlich

 

Info für Spinneninteressierte: „Weberknecht und Zitterspinne: Diese zwei Achtbeiner sind nützliche Haushaltshelfer“

  • Spinnen lösen bei den meisten Menschen ein spontanes Unbehagen aus
  • Dabei sind die Tiere in Deutschland nahezu immer ungefährlich
  • Und einige sind sogar im Haushalt sehr nützlich

Sie sind sehr zierlich, werden von acht Beinen getragen und lösen häufig eher ein Unbehagen aus. Zitterspinne und Weberknecht werden häufig verwechselt und für Schädlinge gehalten, aber die Tiere sind regelrechte Haushaltshelfer.

Die Zitterspinne fängt in ihren Netzen Mücken und wirkliche Schädlinge. Der Weberknecht spinnt keine Netze, aber er ernährt sich von toten Insekten, schreibt der „Spiegel“. Beide Tiere besitzen einen kleinen Körper und lange Beine. Damit lösen sie gerne eine Gänsehaut aus, wenn sie unbedarften Bewohnern im Haus begegnen.

Spinnen im Haus sind normal

Eine 39-Jährige im bayerischen Pullach ging sogar so panisch auf Spinnenjagd, dass sie ihre Garage bei der Aktion niederbrannte. Dabei sind beide Tiere vollkommen ungefährlich. Der Weberknecht lässt sich auch nur selten in Häusern blicken. Der „Stern“ zitiert einen amerikanischen Insektenkundler, der betont: „Es ist okay, Spinnen in seinem Zuhause zu haben. Es ist sogar vollkommen normal.“

Den Namen hat die Zitterspinne von ihrem Abwehrverhalten. Fühlt sie sich in ihrem Netz bedroht, versucht die Spinne mögliche Angreifer zu verwirren. Sie beginnt sich so schnell zu bewegen, dass ihre Konturen verschwimmen. Faszinierende und nützliche Haushaltshelfer. Wenn sie nur nicht acht lange Beine hätten, wäre ein friedliches Zusammenleben sicher leichter.

https://www.derwesten.de/panorama/weberknecht-und-zitterspinne-diese-zwei-achtbeiner-sind-nuetzliche-haushaltshelfer-id214436833.html

Ein Abschied

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Die Schneedecke im Garten glitzert im Sonnenlicht.

Mein Kater hat noch drei Stunden zu leben. Er schläft unter seiner Lieblingsdecke. Er hat heute nichts mehr gefressen.

Ich erinnere mich.

Als mein Sohn mit seiner Familie noch in Wien wohnte, fanden sie ihn auf der Straße. Er war offensichtlich ausgesetzt worden. Die Kinder nannten ihn Basti. Ich hatte Respekt vor ihm und vermied den Kontakt. Einerseits suchte er körperliche Nähe – wenn man ihn hielt knabberte er am Ohrläppchen und trenzte einen ganz nass. Sein zweiter Name war daher „Trenzerling“. Andererseits wusste man nie, wann ihm der Körperkontakt reichte und er einfach zubiss.

Vor ca. 9 Jahren übersiedelte die Familie von Wien nach St. Pölten, in ein Haus, das gegenüber dem Haus meiner Mutter liegt. Die Katzenfamilie erweitere sich nach und nach auf fünf Katzen. Dazu kam noch ein Hund. Basti ist eher ein Einzelgänger und zog in das Haus meiner Mutter ein. Meiner Mutter war das anfangs nicht recht. Sie betonte immer wieder „Mir kommt keine Katze mehr ins Haus“. Da kannte sie noch nicht die Beharrlichkeit von Basti. Sie schmiss ihn immer wieder raus und er kam umgehend wieder.

Sie gab auf und hatte eine Katze. Er trenzte weiter. Sein Beißen allerdings wurde weniger und leichter. Er biss nicht mehr so fest zu.

Vor vier Jahren zog auch ich nach St. Pölten. In das Haus meiner Mutter. Sie war an Krebs erkrankt. Und – ich freundete mich langsam an mit diesem eigenwilligen Kater. Meine Mutter schlief tagsüber sehr viel und der Kater auf ihr unter seiner Decke. Legte sie sich einmal nicht zu der üblichen Zeit hin, lief er ihr solange nach und maunzte, bis sie sich hinlegte. „Der Kater kommt mir nicht ins Bett“. Manchmal merkte sie es gar nicht, dass er ganz unten bei ihren Füßen lag. Und somit wurde das sein Platz. Meine Mutter starb vor zwei Jahren.

Ich baute mir ein Haus im Garten meines Sohnes. „Mir kommt keine Katze ins Haus!“ Es dauerte nicht sehr lange, bis Basti in mein Haus einzog. Auch ich mache jetzt täglich ein Mittagsschläfchen und er liegt auf mir unter seiner Decke. Auch bei mir liegt er im Bett bei den Füßen. Auch ich machte halbherzige Versuche, ihn nicht in mein Bett zu lassen, doch kannte ich ihn doch schon sehr gut. Basti knabbert nach wie vor gerne an meinen Ohren. Er trenzt mich von oben bis unten voll. Doch er beißt schon lange nicht mehr.

Nachdem es ihm seit einem Jahr immer schlechter geht, stellte die Tierärztin fest, dass auch er Krebs hat. Einen Tumor, der schon längere Zeit in ihm gewesen sein musste, denn er war nicht mehr behandelbar. Nun haben wir dieses Jahr mit viel Liebe und Betreuung verbracht.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo die schlechten Phasen die guten überwiegen.

Und bevor die Schmerzen zu groß werden, werde ich ihn heute gehen lassen …

Doch meine Trauer ist sehr groß – um diesen eigenwilligen und liebevollen Kater Basti.

19 01 2017