Eine Weihnachtsgeschichte

Eisblumen

Als ich mich um 6 h morgens vor der Terrassentür mit Blick in den Garten hinsetze zu meiner Meditation ist es noch dunkel. Gerade mal den nahesten Baum, den Nussbaum, sehe ich.

Als ich meine Augen schließe, bin ich 5 Jahre alt und spüre die Aufregung des Tages. Nur einen Wimpernschlag von der Kindheit entfernt.

Ich lege die Gedanken auf den Vergangenheitsstapel vor mir ab und kehre zur Beobachtung meines Atems zurück. Diese Geschichte, die da aufsteigt in mir, wird später erzählt werden. Zukunftsstapel. Ein- und Ausatmen. Nichts sonst.

Als ich meine Augen wieder öffne, ist es licht geworden im Garten. Der Wind bewegt jeden Baum und Strauch in einem eigenen Rhythmus. Eine Choreographie des Windes oder des Baumes? Wer weiß das schon. Die großen Äste des Nussbaums wiegen sich von einer Seite zur anderen; die in einer Reihe stehenden Riesen-Lebensbäume, an der Grenze zu Nachbars Garten durften in den Himmel wachsen und die mit den winzigen, schuppenförmigen Blättern besetzten Zweige wiegen sich kreiselnd; der Forsythienstrauch mit den dünnen Zweigen tänzelt wie eine aufgeregte Ballerina.

Der Truthahn schmort im Ofen und beginnt zu duften. Der Tisch ist gedeckt. Alles ist vorbereitet. Jetzt ist Zeit für die Erinnerung.

Mit einem Wimpernschlag von der Kindheit entfernt. Ich bin 5 Jahre alt und spüre die Aufregung des Tages. Dieses Tages. Unendlich ersehnt, ist es heute soweit. Fast nicht auszuhalten. Großmutter hat bereits, so wie jeden Tag, den Ofen eingeheizt. Ich springe rasch aus dem Bett im kalten Schlafzimmer und laufe bloßfüßig in die warme Küche. Auf die Ofenbank hingekauert und mit dem warmen Nachtatem ein Loch in die mit Eisblumen übersäte Fensterscheibe blasen. Das dauert eine Weile, bis das Loch groß genug ist, um hindurchzusehen. Der Marillenbaum hat eine dicke Schneehaube auf seinen Ästen.

Und nein, das Christkind fliegt noch nicht vorbei. Aber es ist ja auch noch früh am Morgen. Vielleicht später. Vielleicht kann ich es später sehen, das Christkind. Jetzt erst einmal frühstücken. Warme Milch mit viel dicker Haut oben. Das schmeckt. Und eine Semmel zur Feier des Tages. Die Erwachsenen frühstücken nicht. Es ist ein Fasttag. Gegessen wird erst am Abend, vor der Bescherung.

Es ist ein kleines Haus, das Haus der Großmutter. Heute ist es gefüllt mit Menschen. Meine Mama ist zu Hause. Sie muss heute nicht arbeiten. Mein Onkel kommt später. Er ist Automechaniker, und wenn er nicht arbeiten muss, fährt er den Rettungswagen. Ich bin sehr stolz auf ihn. Er hilft kranken und alten Menschen. Meine Tante ist auch da. Endlich wieder. Sie ist immer sehr lange weg. Sie ist Frisörin und ist immer auf Saison. Aber heute ist sie da und sie frisiert mich immer so schön. Sie macht mir sicher heute Stoppellocken, mit einer großen weißen Schleife im Haar. Sie hat gesagt, dass sie mit dem Christkind gesprochen hat, damit es mir eine große Puppe mit Echthaar bringt. Ich liebe meine Tante sehr.

Das Schlafzimmer ist schon abgesperrt. Damit wir das Christkind nicht stören. Wir wissen ja nicht, wann es kommt. Hat es doch so viel zu tun. Ich darf mit Großmutter vor die Haustür gehen. Großmutter hat schon Schnee geschaufelt, sonst könnte ich gar nicht vor die Tür, weil so viel Schnee liegt. Im Schnee liegt das Blech mit der selbstgemachten Schokolade. Großmutter hat sie auf ein Blech gegossen, in dem Formen von Bäumen, Glocken und dem Christkind sind – und ich durfte den Faden in die weiche Schokolade drücken, damit das Christkind ihn später auf den Baum hängen kann. Wir müssen dem Christkind ein bisschen helfen, sagte die Großmutter. Jetzt holen wir das Blech rein und Mama stellt das Blech in das kalte Schlafzimmer. Ich darf aber nicht hineinsehen.

Als mein Onkel nach Hause kommt, bauen wir einen großen Schneemann. Später, wenn es dunkel ist, gibt es dann Würstel und Semmeln.

Gesehen habe ich es noch nicht, das Christkind. Obwohl ich so aufgepasst habe.

Ich bin schon so neugierig, was das Christkind mir bringen wird.

24 12 2017

 

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Der Baum und die Wolke

Amsel 2

Amseln im Kleid der Totengräber hoppeln und hupfen mit komplizierten Pirouetten über die  Obstgartenwiese. Weiße Blütensterne der Gänseblümchen blitzen im grün und braun der Wiese. Mit ihren gelben Schnäbeln sammeln die Amseln die letzten Äpfel und Nüsse.

Die Bäume stehen still in Erwartung des nächsten Regens – oder Schnee …

(M.K. 2017)

 

Der Baum und die Wolke

Ein Baum geht umher im Regen,

eilt an uns vorbei im strömenden Grau.

Er hat ein Anliegen. Er holt Leben aus dem Regen

wie eine Amsel in einem Obstgarten.

 

Als der Regen aufhört, bleibt der Baum stehn.

Aufrecht, still erscheint er in klaren Nächten

Wie wir in Erwartung des Augenblicks,

da die Schneeflocken ausschlagen im Raum.

 

Tomas Tranströmer: In meinem Schatten werde ich getragen.

 

HerbstArbeiten im Garten

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Im samtenen Licht der Herbstsonne trudeln und tanzen braune Blätter vom Nussbaum.

Das Licht der Herbstsonne – die Wärme der Sommersonne.

Ich sammle eine Kiste voll mit Nüssen unter dem Nussbaum. Bücken und einsammeln, bücken und einsammeln … Es ist bereits die vierte Kiste in diesem Herbst. Der Nussbaum verschenkt sich reichlich. Nächstes Jahr werden es wieder weniger sein. So ist das. Er braucht Erholung.

Nach dem Nüsse klauben, das Laub zusammen rechen. Am Ende stehen drei volle Laubsäcke geschützt vor den aufziehenden Regenwolken unterm Dach. Morgen werden sie weggebracht.

Jetzt ist auch die Fläche unter dem Nussbaum bereit zum Wiesen mähen. Insgesamt sind es 900 m2 – unser großer, wilder Garten. Kein Rasen. Nein, eine Wiese. Und der alte, schwere Rasenmäher lässt sich nicht so leicht über die vielen Buckel schieben.

Es wird dunkel und kühl. Schatten liegen über dem Garten. Die frisch gemähte Wiese duftet. Der Nachbar hat seinen Kamin beheizt. Es riecht nach Holzfeuer.

Jetzt noch die Gartengeräte wegräumen und rein in mein warmes Gartenhäuschen. Ich spüre jeden einzelnen Muskel meines Körpers und – bin glücklich und zufrieden.

(2017)

Ich erinnere mich: „Ich bin 5 Jahre und gehe mit meiner Großmutter durch den Garten. Wir sammeln alles ein, was wir zusammengerecht haben. Ich rieche das Holz, das verbrennende Laub und den Rauch des Feuers. Funken sprühen in die untergehende Abendsonne. Der Abendstern ist bereits am Himmel sichtbar. Es ist kühl und Großmutter zieht mir die von ihr gestrickte Weste an. Sie kratzt ein bisschen, aber sie ist mollig warm. Wir sind beide zufrieden.“

(1955)

Heute ist es verboten Feuer in den Gärten zu machen – Laub und Äste zu verbrennen, Lagerfreuer zu machen – vieles ist verboten …

 

 

 

Eine letzte Schönheit

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Der alte, mächtige Marillenbaum (die Frau Marille) in unserem Garten ist durch einen Sturm entwurzelt werden. Vorher durften wir noch eine Überfülle von saftigen und süß-säuerlich schmeckenden Marillen ernten. Die letzte Marmelade wurde eingekocht.

Wir wissen nie, wann irgendetwas das letzte Mal ist.

Eine Aufforderung für eine tägliche Achtsamkeit / Wertschätzung / Zuneigung / Liebe / Dankbarkeit – für Mensch / Tier / Natur.

Frau Marille hatte sie. Darüber bin ich sehr froh.

Das Holz von Frau Marille trocknet nun und die Farbe wird immer dunkler. Marillenfärbig.

Eine letzte Schönheit.  

                                      

Interessante Geschichte(n) über die Marille.

Die Europäer hielten die Marille lange für ein Aphrodisiakum. In diesem Kontext taucht sie auch in der Literatur auf: In William Shakespeares „Sommernachtstraum“ weist Elfenkönigin Titania ihre Untergebenen an, dem Weber Nick Bottom Aprikosen zu verabreichen, um seine Liebe zu ihr zu wecken: „Be kind and polite to this gentleman. Follow him around. Leap and dance for him. Feed him apricots and blackberries […].“

Die Herkunft der Aprikose, die in Österreich, Südtirol und Bayern Marille genannt wird, ist nicht restlos geklärt. Heute geht man jedoch davon aus, dass die Marille schon vor 4000 bis 5000 Jahren in China kultiviert wurde. Die Römer hatten sie um 70 v.Chr. importiert.

 

Die Einsamkeit der Bäume

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Unsere Gartensiedlung wurde im Jahr 1939 gegründet. Der genossenschaftlich organisierte Siedlungsbau machte es auch vielen arbeitslosen Arbeitern möglich, sich ein eigenes Haus zu bauen. Die Grundstücke sind jeweils 1.100 m2 groß, dienten sie doch in dieser Zeit dem Anbau von Nahrungsmitteln und dem Halten von Kleintieren. Meine Großeltern bauten das Haus mit eigener Hände Arbeit. So wie alle ihre Nachbarn auch. Es wurde Gemüse und Kartoffel gepflanzt, und natürlich – viele Obstbäume.

Ich, geboren 1950, konnte als Kleinkind bereits auf den Bäumen sitzen. Die Astgabeln der Bäume waren mein Rückzugsort. Als ich mein erstes eigenes Gemüsebeet mit vielleicht 4 Jahren alleine bepflanzen durfte war ich sehr stolz. Wir hatten Apfel- und Birnbäume, Marillen, Zwetschken und Kriecherl. Ribisel-, Stachelbeer- und Himbeersträucher begrenzten die einzelnen Gärten. Niemand kam damals auf die Idee Zäune aufzustellen. Und – man half sich gegenseitig – ohne Grenzen.

In der Zeit 1970 – 1980 wurden die Gemüsebeete weniger. Die ersten Hausbesitzer begannen Bäume zu entfernen. Das Obst wurde nicht mehr verwertet. Das viele Laub machte zusätzlich Arbeit. Es wurden Nadelbäume gepflanzt. Die Gärten bekamen Zäune und Thujen zur Sichtbegrenzung. Obwohl ich in der Zeit zwischen 1980 und 1990 relativ selten in meinem Elternhaus war, habe ich um jeden Baum gekämpft. Die meisten blieben stehen.

Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.

Mein Elternhaus habe ich verkauft. Die Waldbäume sind gefallen. Gut so. Und ich hoffe, die Obstbäume bleiben erhalten. Auch einen Hühnerstall und Hühner gibt es wieder im Großmuttergarten. Das gefällt mir.

Mein Sohn hat vor ca. 8 Jahren das Haus gegenüber meinem Elternhaus gekauft. Ein Garten mit einem mächtigen Nuss- und Kirschenbaum, Marillen, Weichsel, Pfirsiche, Hollunder, Ribisel, Stachelbeeren und Himbeeren. Ich bin dort eingezogen und habe mir im Garten ein Ausgedingehäuschen gebaut. Der Garten bleibt so wie er ist. Etwas verwildert, mit einer buckligen Wiese. Die muss gemäht werden. Ich mache es gern.

Oft hörte ich das Weinen der mächtigen, alten Obstbäume, wenn wieder einmal einer der großen Bäume gefällt wurde. Für mich hörte es sich an wie Walgesänge. Riesige Wurzelstöcke wurden aus der Erde gerissen. Waren diese Wurzeln mit den Wurzeln der Bäume in den Nachbarsgärten verbunden? Ich denke, ja. Vielleicht habe ich sie zu wenig getröstet. Als Kind hätte ich das getan.

Nun, als alte Frau kann ich es wieder. Sie trösten und mit ihnen sprechen, damit sie sich nicht so einsam fühlen. Ich sitze gerne in ihrem Schatten und ich lehne mich an ihre alten, moosbewachsenen Stämme. Die Rinde hat Risse. Es ist wie ein Faltenwurf, der mich an die Haut meiner Mutter im Greisenalter erinnert. Und einmal wird auch meine Haut so aussehen.  Manchmal streichle ich auch ihre alten Wunden – abgeschnittene und durch Sturm abgerissene Äste.

Und es ist mir dann, als ob sie sich mir zuneigen …

 

 

Mein Blog: „Das Gartenkind – Erinnerungsort 1“

„ … Der Apfelbaum hat einen dicken, kurzen Stamm, so dass ich sehr leicht hinaufklettern kann und mir auch mein Kleidchen nicht schmutzig mache. Die Äste bilden eine große Gabel. Ich sitze mit meiner Puppe und meinem Buch fast so bequem wie in einem der hölzernen Liegestühle. Nur auf die Ameisenstraße muss ich aufpassen. Sie führt am Stamm und an einem der dicken Äste entlang. …“

https://monikakrampl.wordpress.com/2016/08/15/das-gartenkind-erinnerungsort-i/

 

Link: Der Dokumentarfilm “Intelligente Bäume” Können Bäume tatsächlich miteinander sprechen?

https://vimeo.com/ondemand/intelligentebaeume

Vollmondiges

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Jede Nacht beginnt sie – die Verwandlung meines Gartens.

Nach Mitternacht hat der Mond die richtige Stellung erreicht. Die Schatten der Bäume werden länger und das Licht verändert sich.

Mein Garten verwandelt sich in eine Theaterbühne. Der Vollmond am Himmel – ein Scheinwerfer. Es ist so hell, dass ich jeden Grashalm sehe. Und doch, liegt ein feines Seidengespinst über dieser Helligkeit.

Jede Nacht werde ich etwas nach Mitternacht wach. Wie könnte es anders sein. Geschehen mysteriöse Dinge nicht nach Mitternacht? Als ob mich eine Klingel wecken würde. Ein bisschen schrill. So wie im Theater. Die Klingel, die aufmerksam macht, dass die Vorstellung beginnt. Mein Garten liegt vor mir wie ein Bühnenbild. Real und doch unwirklich. Der Vollmond, ein Scheinwerfer, der nur auf meinen Garten gerichtet ist. Der Nachbarsgarten verschwindet im mitternächtlichen Dunkel. Doch über meinem Garten – dieses unsagbar unwirkliche Licht, das mich nicht schlafen lässt. Nur Staunen. Unsagbar schön …

Ich stehe da und wage meinen Garten nicht zu betreten.

Klänge schweben durch die Luft. Nicht fassbar. Gestalten am Rande des Blickfeldes huschen vorbei. Nur nicht fokussieren, sonst sind sie weg.

Das Licht ein Rätsel – verwirrt es? Lässt es unwirkliche Dinge sehen?

Etwas was nicht da ist, oder etwas was immer da ist, und erst durch dieses Licht sichtbar wird?

Alles könnte passieren in diesem Licht. Alles wäre möglich …

Und dann löst sich der Zauber der mysteriösen Sicht auf den Garten  bereits wieder auf.

Und es ist wieder mein Garten, in einer Nacht so wie in jeder anderen Nacht auch ….