Die Stille, der Rückzug – Besinnung auf uns selbst

Manchmal braucht es Dunkelheit und die süße
Einschränkung deines Alleinseins
um zu lernen,
dass alles
was dich nicht lebendig macht,
zu klein für dich ist.

(David Whyte, englischer Dichter)

In meinem Essay „Die Stille, der Rückzug – Lockdown und Corona“ schrieb ich unter anderem auch über die Besinnung.

Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen um ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Besinnung auf uns selbst.

Die Zeit des Alleinsein-müssen könnte dann zu einer Zeit des Alleinsein-dürfen werden.

Besinnung auf uns selbst.

Der Lärm der Welt kommt zumindest für eine Weile zur Ruhe – eine zarte Stille umfängt uns – wenn wir es denn zulassen.

Spürt ihr das Wehen des Windes? Hört ihr die Raben am Baum?

Welche Chance.

Vom Weg der Angst vor dem Allein-sein zur Liebe zum Allein-Sein.

Ich erzähle euch wieder eine Geschichte.

Und so wie jede gute Geschichte, beginnt auch diese mit – es war einmal …

Es war einmal eine Frau, nicht mehr ganz jung aber auch noch nicht alt. Sie war um die fünfunddreißig Jahre, als sie beschloss ein anderes Leben als bisher zu führen und sich ihren Ängsten zu stellen. Sie war nicht unglücklich, aber glücklich war sie auch nicht.

Sie wollte einfach keine Angst mehr haben vor dem Alleinsein. Sie war sehr aufgeregt und neugierig, wie es ihr wohl ergehen würde – was da alles passieren würde. Als die Zeit kam, und sie ihrer Familie mitteilte, dass sie dieses Mal das Weihnachtsfest mit sich allein verbringen wolle, dachten sie, sie wäre verrückt geworden. Bei manchen gab es Unverständnis, andere wieder waren beleidigt. Und somit begann bereits der Einstieg in ihr Experiment – und sie musste sich fragen: Wie gehe ich damit um? Kann ich es aushalten, dass ich nicht verstanden werde und dass sich meine Familie dadurch gekränkt fühlt? Ja, sie konnte es. Sie blieb standhaft – sie stand zu sich. Sie war sehr mutig.

Doch wie sehr hätte sie sich gewünscht, dass ihre Familie, die sie doch liebte, Verständnis gezeigt und sie unterstützt hätte in ihrem Vorhaben – „Wie mutig du doch bist! Ja, mach’ das! Wir sind in Gedanken mit dir!“

Doch so war es nicht. Und so war sie ganz allein mit ihrem Vorhaben und damit begann ja eigentlich schon ihr Alleinsein.

Nun – wir kehren zurück zu ihrem ersten Weihnachtsfest. Einfach war es nicht. Doch die Besinnung tat ihr gut. Fragen über Fragen gab es für sie: Wie mache ich es mir schön und gemütlich? Wie möchte ich das Fest für mich feiern? Was brauche ich für meine Sinne / meinen Geist / meinen Körper?

Und mit all diesen guten, lebendigen und spannenden Antworten, die sie dabei fand, ging sie in noch ein weiteres Weihnachtsfest für sich allein; feierte Silvester auf einem abgelegenen Hof; ging auf Reisen, die sie alleine machte und vieles andere auch noch. Und am Ende war sie sehr stolz auf sich. Sie hatte es geschafft ihren Ängsten zu entkommen.

Welch Sicherheit wuchs damals in ihr – in dem mit sich selbst sein / es gut haben mit sich allein. Und heute ist ihr das immer wieder allein sein mit ihr selbst  eine liebe Gewohnheit. Immer wieder Rückzug – um mit sich selbst in Kontakt zu bleiben, um ihre innere Stimme zu hören und zu fühlen, was ihr gut tut und was nicht. Ende gut. Alles gut.

Und bei all den Ungewissheiten, die Corona auch mit sich bringt, ist der Lockdown / der Rückzug, auch eine große Chance, sich selbst besser kennen zu lernen. Durch Ängste hindurchzugehen, bis sie sich auflösen.

Ja, alles löst sich auf, wenn wir uns trauen, bis zum tiefsten Grund zu gehen.

Je besser wir uns selbst kennen – bei uns selbst zu Hause sind – desto besser können wir mit anderen sein.

Bruder David Steindl-Rast, ein aus Österreich stammender US-amerikanischer Benediktinermönch und spiritueller Lehrer, sagt:

„Liebe ist das Ja zur Zugehörigkeit / zur Verbundenheit“.

Eine Zugehörigkeit ohne sich selbst zu gehören wäre Abhängigkeit.

Ich kann nur jemand angehören, wenn ich mir selbst gehöre.

Liebe ist das Ja zur Zugehörigkeit / zur Verbundenheit in Freiheit.

Besinnung – eine Rückbindung an uns selbst / an unsere Wurzeln – die uns zu einer inneren Zufriedenheit / Freiheit / und einem lebendig sein – führt.

Einer Lebendigkeit im Lockdown / im Rückzug – ein Paradoxon. Eine scheinbar widersprüchliche Aussage, die eine tiefe Erkenntnis beinhaltet.

Mögen wir mit viel Mut und Konsequenz den Weg von der Angst vor dem Alleinsein zum Genuss des Alleinseins und der Freude an uns selbst gehen …

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 22,39)

Liebe, Mitgefühl und Weisheit für uns selbst – die Natur, der wir angehören, für Tiere und Menschen …

Mögen wir uns besinnen …

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https://monikakrampl.wordpress.com/2020/11/15/die-stille-der-ruckzug-lockdown-und-corona/

2 Gedanken zu “Die Stille, der Rückzug – Besinnung auf uns selbst

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