Die Frau Oberlehrerin, meine Igel-Bücher und Hermann Hesse

Bin ich doch am Auslichten und Loslassen meiner alten Sachen – Aufgehobenes und Angesammeltes – das wissen alle, die meine Erzählungen lesen. Dass ich auch am Auslichten von alten Verhaltensmustern bin, kommt in meinen Erzählungen nur am Rande vor. Bedarf es doch weitaus mehr Aufmerksamkeit und dauert damit wesentlich länger als Bücherregale, Kleiderschränke und Kartons zu leeren.

Nun habe ich einen Teil in mir – ich nenne ihn die Frau Oberlehrerin – die mit erhobenem Zeigefinger dasteht und anderen gegenüber betont „Ja, aber …“.

Die Frau Oberlehrerin stammt aus der Zeit, in der ich dabei war, mir vieles an Wissen anzueignen, das mir als Jugendliche verboten war. Ja – wirklich „verboten“ – eine der alten Geschichten, die ich nicht mehr erzählen möchte, da mit den Jahren aufgearbeitet, vergeben und verziehen – erst meinen Altvorderen, und etwas schwerer noch – mir selbst.

„ (…) wenn ich der Jungendlichen und der erwachsenen Frau in mir ihre Entscheidungen, die sie aus ihren Verletzungen heraus getroffen hat; ihr Verhalten Menschen gegenüber, das sie aus ihren Schmerzen / dem Zorn / der Scham / der Selbstunsicherheiten zeigte, vergeben habe, —

dann, und erst dann, wird das große Vergeben und Verzeihen möglich sein. (…)“ schrieb ich in meiner Erzählung „Vom Vergeben und Verzeihen“ im April 2020.

Die Frau Oberlehrerin stand über lange Zeit mit erhobenem Zeigefinger da und haute allen ihr Wissen um die Ohren, ganz egal ob die es nun wissen wollten oder nicht – „schaut her, wie g’scheit ich bin“. Mein Intellekt dürstete nach Bestätigung.

Ich habe die Frau Oberlehrerin in Pension geschickt. Doch so hie und da schaut sie mir über die Schulter und schon hab ich es wieder einmal übersehen – reißt sie ihren Schnabel auf …

Mittlerweile bin ich sehr geduldig mit ihr und begleite sie wieder zurück ans Meer.

Da habe ich sie hingesetzt, damit sie die Schönheit des Meeres und der Sonnenuntergänge genießen und entspannen kann. Wenn ich sie besuche, merke ich, dass sie versucht, die Fische zu belehren. Die kümmern sich nicht darum. Gut so. Vielleicht legt sie sich sogar mit Poseidon an – so wie ich sie kenne, tut sie das wahrscheinlich auch …

„(…)Veränderung braucht Mut zum Wankeln (Wankelmut) – zum immer wieder zurückkehren zur Sicherheit des Gewohnten und des Erprobtem, des bis jetzt gelebten und damit auch der Lebenserfahrung. Veränderung braucht Mut und Zeit zum Schleifen ziehen, zum Hineinschnuppern ins Ungewohnte, in die Unsicherheit, ins Neue.

Die, die immer wieder zurückkommt ist bereits eine andere – eine im Werden, die selbst noch nicht weiß, was da wird und wie sie sein wird …(…)“ schrieb ich in „Veränderung braucht Zeit und Wankelmut“ im Juni 2020.

In der letzten Zeit überkommt mich immer wieder das Gefühl, mein früheres Leben sei wie ein Traum. Ich hätte es geträumt und ich bin am aufwachen …

„ … aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht…“ (Hermann Hesse)

„Aufwachen zu dem, der du bist“ (Thich Nhat Hanh)

Heute Nacht in einer wachen Stunde greife ich nach Hermann Hesse.

Auf meinem Drehregal-Nachttisch – sehr praktisch, da haben viele Bücher Platz – liegen die unterschiedlichsten Bücherstapel, die immer wieder wechseln. Und natürlich mein Tagebuch. Einer der neueren Stapel sind einige alte Bücher von Hermann Hesse, die wieder gelesen werden wollen. Dann gibt es noch Biographien, Romane, Lyrik und Krimis. Ich liebe es, nachts Krimis zu lesen.

Heute Nacht also Hermann Hesse. In meinen gelesenen Büchern sind viele Marker – ich nenne sie Igelbücher, weil sie gespickt sind mit Markern. Und manchmal lese ich das ganze Buch nochmals oder ich konzentriere mich auf die Marker, – bin neugierig, was mich vor Jahren oder Jahrzehnten fasziniert hat.

Die gekennzeichnete Stelle aus Hesses Buch passt zu obigen Überlegungen über die Frau Oberlehrerin.

„Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“

Aber deuten kann jeder nur sich selbst …

Infos:

Hermann Hess: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend.

Anmerkungen aus der Biographie über Hermann Hesse von Joseph Mieck, S. 93f:

Hesse veröffentlichte Demian 1919 unter dem Pseudonym Emil Synclair. In der 17. Aulage des Buches 1920 veröffentlichte er unter seinem Namen und das Buch blieb drei Jahre die „Bibel der deutschen Jugend“. Die Erzählungen sind „intim autobiographisch“. „Demian war ein intellektuelles Erlebnis, eine Neu-Überprüfung der Jahre 1887 bis 1897 mit Hilfe der Psychoanalyse und in Übereinstimmung mit Hesses beginnender Entschlossenheit, er selbst zu sein.“

Thich Nhat Hahn: Aufwachen zu dem, der du bist. Die Zen-Unterweisungen des Meisters Linji

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/04/28/vom-vergeben-und-verzeihen/

https://monikakrampl.wordpress.com/2020/06/11/veranderung-braucht-zeit-und-wankelmut/

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