Sollen wir oder müssen wir sogar in Frage stellen?

Fragen stellen – etwas in Frage stellen – finde ich immer gut. Ja, ich liebe es, meine Gehirnzellen in Gang zu bringen und auch mal ums Eck zu denken. Manchmal bringen Fragen sofort und umgehend Antworten – vielleicht auch neue Erkenntnisse. Manchmal führen sie zu neuen Fragen. So manches Mal führen sie auch in Unsicherheiten und Bedenken über die eigene Lebensführung. Doch – wenn Bedenken kommen, dann gibt es etwas zu bedenken. Das ist dann auch eine Erkenntnis.

Corona stellt vieles in Frage. Viele Lebensgewohnheiten, und damit auch einige der so genannten „Normalitäten“. Nicht schlecht, finde ich. Denn bei so manchen dieser „normalen“ Umtriebe und Auswüchse stellt sich die Frage ob dies noch normal ist. Das sei nur am Rande bemerkt, denn über den Begriff „Normalität“ ließe sich doch trefflich streiten. Darum geht es hier und jetzt aber nicht.

Nun erzählen viele Menschen über ihre Unsicherheiten / stellen Fragen und in Frage / sind nachdenklich. Das freut mich. Denn daraus kann Neues entstehen. Und das brauchen wir ganz dringend in unserer gefährdeten Welt allgemein und für unser persönliches Wohlergehen sowieso und ganz gewiss.

Nachstehend lasse ich zwei Fragesteller*innen zu Wort kommen.

Marianne Gronemeyer, die Fragen zur Arbeitswelt stellt und zu dem Ergebnis kommt – „Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.“

Christoph Quarch, stellt die Frage, warum wir Friedrich Hölderlin, einen Dichter aus dem 1800 Jhdt. brauchen, und kommt zum Ergebnis – Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod.“

~~~~~~~~~~

Marianne Gronemeyer, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin,  stellt die Fragen:

„Hauptsache Arbeit. Aber wozu?“

Und – „Wer soll denn wohin integriert werden?“

Wer sich heutzutage der politischen Korrektheit befleißigen und sich auf die Seite des Anstands schlagen will, der muss für ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ votieren. Aber da erhebt sich augenblicklich die Frage, wer denn da wohin integriert werden soll: Die Frauen in die Männerwelt; die Habenichtse in die Konsumwelt, die Fremden in die Welt der Ansässigen; die Schwachen in die Welt der Starken; die Kranken in die Welt der Gesunden; die Scheiterer in die Welt der Funktionstüchtigen, die Arbeitslosen in die Welt der Leistungserbringer und die Verlierer in die Welt der Sieger? Aber es ist ja nicht so, dass die Starken, die Erfolgreichen, die Gesunden, die Leistungsstarken und die Sieger im Recht wären. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Arbeitswelt, die Welt des Arbeitsmarktes so zugerichtet haben, dass in ihr gute Arbeit durchweg nicht mehr möglich ist. Und die vom Konkurrenzkampf aller gegen alle geprägte Arbeitswelt wird ja um nichts besser, wenn die Schwachen, die Frauen, die Gescheiterten und die Arbeitslosen auch noch in sie hineingeraten. Vielleicht müssten wir viel eher über das Abseits als wirtlichen Ort nachdenken als über die totale Mobilmachung für den Arbeitsmarkt.

~~~~~~~~~~~~~~~

Christoph Quarch, Philosoph, evangelischer Theologe und Autor, stellt die Frage:

Warum wir Hölderlin brauchen?

„ … denn es ist Zeit,

Dass aus der Menschen Munde sie, die

Schönere Seel, sich neuverkündet, (…)

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt

Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist

Im Menschenwort, am schönen Tage

Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.“

(aus. Ermunterung von Friedrich Hölderlin)

Friedrich Hölderlin war der Sänger des Heiligen. Dazu sah er sich berufen. Worte für den Geist zu finden, der im alten Griechenland in der Gestalt des Gottes Apollon verehrt wurde; diesem Gott, diesem Geist dabei zu helfen, sich im Menschenwort, am schönen Tage, einer künftigen, neuen Zeit aus- und zuzusprechen – so wie er sich im alten Hellas einst bekundet und dabei eine Welt geboren hatte, von deren geistiger Schönheit und Kraft die europäische Kultur sich noch heute nährt. Es war dies eine Welt, die es den Menschen möglich machte, sich in Freiheit und zur Blüte eines schönen Menschenlebens zu entfalten. (…)

Das war Hölderlins Vision: eine Welt, die nicht länger vom Homo Faber oder Homo Oeconomicus  beherrscht ist, die nicht getrieben ist vom Willen zur Macht eines Subjetes, das um seines eigenen Vorteils willen alles Natürliche vernichtet, eine Welt, in der die Menschen im Einklang mit dem lebendigen Sein der Natur leben, statt sich in den Allmachtsphantasien ihrer digitalen Technik zu verlieren. Hölderlins Vision galt einer Welt, worin der Mensch am Ende seiner Tage mit einem Lächeln auf den Lippen sagen kann: Zu sein, zu leben, das ist genug. Das ist eine Vision, derer wir im 21. Jahrhundert dringender bedürfen denn je. Deshalb brauchen wir Hölderlin. Seine Vision hat nicht an Gültigkeit verloren.

Wir brauchen eine neue religio – eine neue Rückbindung ans lebendige Sein dieser Welt, die uns die Heiligkeit der lebendigen Natur erkennen, ja, vor allem lieben lehrt. Wir brauchen eine Haltung gegenüber der Welt, die uns von der Egozentrik des neuzeitlichen Subjekts befreit und von unseren Fesseln befreit: unserer Angst vor dem Tod und unseren Herrschaftsgelüsten gegenüber Mensch und Natur. Wir brauchen ein neues Menschenbild, das uns begreifen lässt, das wir nur im Einklang mit dem lebendigen Sein zur vollen Freiheit und Schönheit des Lebens erblühen können – und nicht auf dem Wege der gewaltsamen Durchsetzung unseres Willens. Wir brauchen eine Kultur, die der Schönheit huldigt und die Liebe im Herzen der Menschen entfacht: die Liebe zum Leben, zur Natur, zum Menschen – zu seinem Leiden und zu seinem Tod. Das alles brauchen wir. Wir brauchen Hölderlin und seine Dichtung, seine Vision von einer neuen Zeit. (…)

„Uns selber zu verstehen! Das ist’s, was uns emporbringt. Lassen wir uns irremachen an uns selbst (…) dann ist auch alle Kunst und alle Müh’ umsonst.

(Heinrich Heine in einem Brief an Neuffer, August 1798)

Obige Texte aus:

Christoph Quarch: „Zu sein, zu leben, das ist genug. Warum wir Hölderlin brauchen“, S. 180 ff

Marianne Gronemeyer: https://ivs-wien.at/ivs-veranstaltungen/wien-wird-anders/prof.-dr.-marianne-gronemeyer.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s