Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

Im Januar dieses Jahres schrieb ich in Teil 1:

„Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.

Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich entsorge meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher.

Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.“

Siehe: https://monikakrampl.wordpress.com/2020/01/16/hineinwachsen-in-mich-mein-70-geburtstag-ein-neuer-lebensabschnitt/

Nach dem Auslichten meiner Tagebücher, das mir im Rückblick wesentlich leichter erscheint als das jetzige, machte ich den letzten Durchgang. Den Begriff Auslichten habe ich mit großem Dank von Cambra Skade übernommen. Für eine Weile versank ich in den vielen Kartons, die im Gästezimmer meines Sohnes gestapelt waren. Wir konnten kaum zur Tür rein. Ein schmaler Gang blieb. Zwischen meiner Vergangenheit und dem Rest der Sachen meiner verstorbenen Mutter, die wir nach der Entsorgung auf dem großen Flohmarkt noch behalten hatten. Zum Durchsehen. Nun war die Zeit auch für dieses Durchsehen gekommen.

Auslichten im Sinne von Loslassen und auch Loswerden.

Meine Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch materiell loswerden.

Nicht, weil sie so schrecklich war. Das war sie auch. Ein Teil davon.

Auch das Glückliche – ich möchte mich nicht dahin zurück sehnen.

Das war einmal – so beginnen doch Geschichten: Es war einmal …

Meine glücklichen Erinnerungen behalte ich und lege sie vorsichtig in meine innere Schatzkiste. Jedoch, ich möchte mich nicht zurück sehnen und damit den Blick für und die Anwesenheit in der Gegenwart verlieren.

Denn, wenn ich glücklich sein möchte, dann kann ich das nur in der Gegenwart – und so wie ich jetzt bin, nämlich anders.

Das Glück der Vergangenheit kann ich so nicht mehr leben.

Ich bin JETZT.

Ich bin jetzt eine ANDERE. 

Immer wieder die Unsicherheit – zum Beispiel bei der vielartigen Korrespondenz mit meinen Freund*innen, meinen Liebsten; mit interessierten Menschen an meinen vielen Projekten und noch mehr Projektideen. Sie stammt aus einer Zeit, in der wir uns noch viele Briefe geschrieben haben und ich staune.

Ob ich sie nicht doch behalten sollte – die Briefe?

Aber warum?

Das alles wurde vor Jahrzehnten geschrieben und ich habe es nie mehr gelesen. Ich werde es auch jetzt und in Zukunft nicht lesen.

Warum also?

Nur um sie zu „haben“?

Es schmerzt.

Es macht traurig – das Loslassen.

Ein Teil von mir möchte es nicht loslassen, möchte dahin zurück.

Dahin, wo es so schön und lebendig war.

So viele Menschen in meinem Leben.

Und jetzt ….?

Ich möchte mehr Sein als Haben.

Es ist Zeit mich auf das Wesentliche und Wenige zu konzentrieren, und nicht einen materiellen Berg von Vergangenheit hinter mir herzuschleppen, bei jedem Schritt. Ich habe das Bild von einem riesigen Sack, der am Boden hinter mir herschleift und ich ihn mit Gurten – so wie einen Rucksack – an meinen Schultern befestigt habe. Jeder Schritt ist mühsam, denn der Sack ist schwer. Mit schweren Schritten stapfe ich dahin.

In den Kartons stapeln sich Ordner.

Ordner über Ordner, angesammelt und gefüllt mit meinem Leben über die letzten 35 Jahre; akribisch – gründlich und sorgfältig – beschriftet.

Ordner mit der Korrespondenz mit Freund*innen und Liebsten; mit Kolleg*innen und Menschen in Seminarzentren im In- und Ausland;  Ansichtskarten und Glückwunschkarten meines Sohnes.

Die Korrespondenz mit unseren singhalesischen Freunden in Hikkaduwa in Sri Lanka – hatten wir – mein zweiter Ehemann und ich – doch bereits alles in die Wege geleitet zum auswandern. Es sollte nicht sein.

Und ich staune immer wieder, mit wie vielen Menschen ich in Kontakt war!

Und ich erinnere mich, wie offen – mit großen offenen Augen und offenem Herzen, einer grenzenlosen Liebesbereitschaft – ich durch die Welt gegangen bin und Menschen angezogen habe. Und viele – allzu viele – gingen mit der Zeit verloren – weil wir den Kontakt nicht gehalten haben.

Die, die geblieben sind, sind meine treuesten Weggefährt*innen auf meinen verschlungenen Lebens-Pfaden.

Ich vermisse die Liebe – in erster Linie meine eigene.

Ich spüre die grenzenlose Liebe nicht mehr, – nicht so wie damals.

Irgendwann vom Pfad der Liebe abgekommen, mein Herz zugemacht und verschlossen. Den Schlüssel weggeworfen.

Den Schlüssel habe ich bereits wieder gefunden. Es war schwer, ihn in dem verrosteten Schloss umzudrehen. Jetzt bin ich dabei, die auch in ihren Scharnieren verrostete Tür zentimeterweise zu öffnen …

Und kaum ist es mir gelungen aufzusperren, klopfte einer meiner ehemaligen Liebsten an die Tür. Im Laufe dieser Wiederbegegnung schrieb ich ihm:

Das Wiedersehen

Ich habe keine Angst

dir zu sagen

dass ich dich noch immer

liebe

und

begehre

Ich habe keine Angst

weil meine Liebe

unabhängig

davon ist

ob du mich liebst

weil meine Liebe

nichts verlangt

von dir

Und mit großem Erstaunen und ebenso großer Freude merke ich, wie viel ich doch in diesen Jahren über die Liebe gelernt habe.

Die nächsten Ordner führen mich in die Welt meiner psychotherapeutischen Praxis.

Der Erste enthält die vielen Originalmanuskripten und Folder der abgehaltenen Seminare und Workshops.

Mein Gott, war ich fleißig und engagiert!

Ordner mit Projektideen im zivilgesellschaftlichen Bereich und über angedachte Seminare und Workshops; Mitschriften der Therapiesitzungen, Befunde für die Krankenkassen; Honorarnoten, etc. Ich weiß nicht, von wie vielen hunderten von Klient*innen in den 25 Jahren. Die vielen Dankesschreiben. An die meisten habe ich keine Erinnerung mehr. Ich sehe die Anzahl der Therapiestunden – und sehe, wie viel ich gearbeitet habe.

Welch’ Energie ich hatte!

Ordner mit den Lehrunterlagen, meinen Seminararbeiten, von den zwei Semestern an der Sigmund-Freud-Privatuniversität. Zwei Semester fehlen noch, dann hätte ich den Bachelor.

Aufgehört habe ich, als ich meine Mutter in den letzten zwei Jahren ihrer Krebserkrankung begleitete. Heute ist es mir nicht mehr wichtig.

Doch ich erinnere mich gerne – lerne ich doch mit viel Neugier und Begeisterung Neues.

Die ungeliebtesten Ordner – die Unterlagen meines Steuerberaters. Darüber legt sich der Mantel des Schweigens. Ich bin eine Frau der Worte. Zahlen bereiten mir Unbehagen.

~~~~~~~~~~~~~~~~~

Viel Trauer ist in mir – aber ich spüre auch die Last der Vergangenheit.

Das Mitschleppen.

Erleichterung wird folgen.

So wie es mit dem Auslichten der Tagebücher auch war.

Es ist gut.

Es ist gut so, wie es ist.

Dies alles passierte in den letzten Wochen und jetzt?

Ob mich die Rückschau auf meine Lebenserinnerungen auch stolz macht, fragte eine meiner Herzensfreund*innen, und ich schrieb ihr:

„Ja, ein bisschen. Aber vor allem macht es mich dankbar. So viele Menschen – da bin ich noch immer sprachlos – es macht mich unendlich dankbar den Menschen gegenüber für ihr Vertrauen, sich mit mir auf die tiefen Prozesse in den Therapien eingelassen zu haben; und ehrfürchtig und demütig für die viele unendliche Energie, die ich hatte.

Ich staune, wundere mich über die Wunder meines Lebens und erfinde mich wieder einmal neu …

Info:

Cambra Skade, Wortschöpferin. Über sich schreibt sie: „Bayrische Künstlerin und Alltagsforscherin erkunde ich Kunst als Fachsprache des Schamanischen, male, tanze, reise, erfinde mich manchmal neu …“

https://cambraskade.blog/?fbclid=IwAR1Has7vB7YUrizobBxyJFYNUUCKvNtFnIgbJyofRYHJ2Z1RV6zJcOWRp5c/

5 Gedanken zu “Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart – Teil 2

  1. Liebste Chandana, ich lese alle deiner Texte sehr gerne, dieser hat mich besonders berührt, da ich nun doch über viele Wochen damit beschäftigt war – auslichten und in meine innere Schatzkiste legen. Das war wichtig und auch notwendig, gehen wir doch nach 13 Jahren hier weg wie wir gekommen sind, mit 2grossen Koffern und Handgepäck. Es war eine volle, reiche, gute Zeit für uns mit vielen Begegnungen und Erfahrungen, der geplante Abschied hat innerlich vieles in Bewegung gebracht. Heute Abend reisen wir ab, morgen früh um 3 startet das Flugzeug. Wir haben eine Nacht in Madrid und sind am Dienstag spätabends in Puerto de la Cruz. Ich freue mich auf Teneriffa. Mit einer herzlichen Umarmung Deine Anandi ??

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    Gefällt 1 Person

    1. Liebste Anandi! Danke für deine Zeilen. Auch ich lese immer wieder gerne von dir und deinem / eurem reichen Leben. Nun bin ich bereits seit sieben Jahren in St. Pölten und habe geschätzte drei Viertel meiner angesammelten Habe (finde ich ein gutes Wort für Besitz, beinhaltet es doch das Haben) weggeben – von „2 großen Koffern und Handgepäck“ bin ich aber noch immer weit entfernt. Ich bewundere das sehr!
      Ich wünsche euch eine gute Reise, ein gutes Ankommen und viel Freude in eurem Leben auf Teneriffa!
      Herzliche Umarmung
      Monika ❤

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  2. Liebe Monika,

    es ist ernüchternd wenn man einen Rückblick wagt und sieht, dass das Meiste, was das Leben und Streben ausmachte, vorbei ist. Hier und da stippen die Erinnerungen auf, es werden weniger mit der Zeit, und alles könnte auch aus einem ganz anderen Leben stammen…. Ich denke oft, ist das wirklich schon vorbei? Habe ich nicht gerade eben erst Zeit damit verbracht, mich vorzubereiten, mich drauf zu freuen? Und alle Dinge, die zu ihrer Zeit großen Wert hatten, liegen aneinandergereiht und gestapelt gut verpackt irgendwo… so, als würde man sie noch mal brauchen, als würde das Ganze noch mal losgehen. Ich bringe es noch nicht fertig, mich von allen Zeitzeugen zu trennen, weiß nicht, ob mir das irgendwann gelingt.

    Gestern habe ich in einem eigentlich seichten Film einen Satz in einem Lied gehört, der mich angesprochen hat und den ich mir sofort ins Handy getippt habe:
    Maybe it´s time to let the old ways die.,,,, vielleicht ist das der Weg, den Herbst des Lebens gut und gern zu verleben.
    Und das mit der Liebe zu sich selbst und zu Anderen kommt hoffentlich auch wieder, bei mir hat es viel mit mangelnder Energie und seelischer Überforderung zu tun. Ich arbeite an beiden Baustellen und hoffe, bald wieder eine positivere und liebevollere Sicht auf Menschen und die Welt an sich zu bekommen.
    Herzliche Grüße
    Gabi

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Gabi,
      zu selten gibt es den Austausch von Herz zu Herz, der einen Blick in die Seele zulässt. Deshalb freue ich mich sehr über deine Zeilen!

      Gleich im ersten Satz sprichst du von einer „Ernüchterung“. Ich hinterfrage Begriffe sehr gerne, damit ich weiß, wovon wir sprechen. Sinnverwandte Begriffe von „ernüchternd“ sind zum Beispiel „desillusionierend, enttäuschen, frustrierend, entmutigend, erdrückend ….“ Aber auch „entzaubert oder ausgeträumt …“
      Für mich passen für meinen Rückblick eher die beiden letzteren. Als ob ich einen Traum gelebt hätte und der Traum jetzt zu Ende gelebt ist. Ich bin aufgewacht und nun …?

      In der indischen Mythologie gibt es den Begriff der „Maya“. Maya bedeutet wörtlich „Illusion, Schein, Trug“ und besagt, dass die Welt wie wir sie wahrnehmen nicht die letztendliche Wirklichkeit ist, sondern nur ein Trugschluss – ein Traum. Es heißt auch, Maya sei eine Trübung des Geistes und wir haben die Möglichkeit, über die Maya hinauszuwachsen und den Schleier zu lüften.

      Diese Deutung gefällt mir sehr gut, weil es am ehesten meinem Empfinden entspricht. Die Welt / mein Verlangen / mein Tun entzaubert, ausgeträumt – aufgewacht.

      Wie empfindest du diese Ernüchterung?

      Dem Satz “Maybe it´s time to let the old ways die …” kann ich nur zustimmen! Das ist das, was ich mache.

      Ja, das mit der Liebe ist so eine Sache. Gerade im Zusammensein mit meinem Liebsten – wir hatten vor 30 Jahren eine Beziehung – zeigte mir, wie sehr ich mich verändert habe – auch in der Liebe. Und – dass ich dabei bin, noch viel zu lernen …

      Mit meinen guten Wünschen für dich und lieben Grüßen
      Monika

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