Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben

Leben heißt Lieben und Lieben heißt Leben.

Das sind große Worte.

Ich musste erst 70 Jahre alt werden um sie zu schreiben.

Hätte ich das früher auch so formuliert?

Nein. Sicher war die Liebe wichtig für mich in meinem Leben.

Aber sie war nicht das Wichtigste. Ein Teil des Lebens.

Heute denke ich mir, sie ist das Wichtigste – sie ist das Leben selbst.

Warum? Kommen wir doch als liebende Wesen – als bedingungslos Liebende zur Welt.

Ein Kind liebt bedingungslos. Mit leuchtenden Augen, einem Lächeln, einer Hinwendung des ganzen Seins wendet sich das Kind dem Menschen zu, der sich dem Kind zuneigt. Wie lange diese bedingungslose Liebe in dem Kind vorhanden bleibt, hat mit der Zuneigung und der Bereitschaft zur bedingungslosen Liebe des sorgenden Menschen zu tun. Es dauert lange bis die bedingungslose Liebe zerstört wird. Kann sein durch Ungeduld, Enttäuschung, Unachtsamkeit, Überforderung, Ärger; später auch durch das Stellen von Bedingungen und Forderungen.

Nur wenn du so und so bist, wenn du dich so und so verhältst, liebe ich dich – bist du meiner Liebe wert – lernt das Kind.

Die Liebe erhält den Wert einer Ware. Sie ist nicht mehr bedingungslos.

Ein Tauschgeschäft sozusagen. Ja, so ist das mit der Liebe.

Und somit tritt die Frage in das Leben – bist du es wert geliebt zu werden?

Erfüllst du die Bedingungen, die dir gestellt werden – ja. Ansonsten – nein.

Und damit beginnen das Kind und später auch der erwachsene Mensch das Leben danach auszurichten, diese Bedingungen zu erfüllen. Und das auch bei und mit Menschen – schon einmal vorbeugend, die diese Bedingungen vielleicht gar nicht stellen.

Noch einmal schwieriger wird es, wenn das Gegenüber mit anderen Bedingungen und Forderungen aufgewachsen ist, und man selbst diese daher gar nicht kennen kann. Dann wirst du viel Zeit damit verbringen, diese herauszufinden. Du wirst dich verbiegen, verdrehen, verleugnen – wie will er oder sie mich bloß haben?

Ich wage jetzt einmal zu sagen, dass es immer um die Liebe geht.

Denn – ist Hass nicht die Kehrseite der Medaille?

Entsteht Hass nicht durch diese verlorene Liebe?

Ich meine – ja.

Aller Hass / Neid / Machtanspruch / Gier / Gewalt – entsteht, so absurd es auch klingen mag, durch die Suche nach der verlorenen bedingungslosen Liebe.

Einfach sein oder „So wie die Dinge sind, sind sie bereits vollendet“ 1)

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass du perfekt sein musst.

Verabschiede dich von dem Gedanken, dass die Liebe perfekt sein muss.

So geht das nicht.

Da ist das Scheitern / die Enttäuschung bereits vorprogrammiert.

Worum geht es dann?

Es geht um die Einsicht, dass alles wie es ist – und damit auch du, bereits vollendet ist.

Ich sage nicht, dass du in Ordnung bist, denn da müsstest du dich ja einer von wem auch immer bestimmten Ordnung unterordnen um – perfekt – zu sein.

Ich erinnere an die oben beschriebenen Bedingungen.

Nein, ich sage, dass du bereits vollendet bist.

So bist du zur Welt gekommen.

Ein ziemlich neuer Gedanke, hm?

Ja, war er für mich auch. Anfangs.

Ich, die ich mich doch immer bemühte, mich zu verbessern. Noch besser zu sein, und noch besser – und eigentlich nie ans Ziel kam.

Dabei ist es doch so einfach.

War ich doch längst am Ziel.

Das Ziel ist in mir. War immer da und ist immer da.

Ich bin so zur Welt gekommen. Vollkommen.

So wie du auch.

Und eigentlich geht es ums Loslassen.

Um das Loslassen von allem was sich über diese innere Vollkommenheit / die bedingungslose Liebe gelegt hat.

Kostet dieses Loslassen nicht auch Mühe, wirst du vielleicht fragen?

Ja, schon. Aber nicht so viel Mühe wie das sich dauernd verändern und verbessern zu wollen.

Es braucht Achtsamkeit.

Tägliche und immerwährende Achtsamkeit.

Achtsam durchs Leben zu gehen bedeutet anfangs vielleicht auch etwas Mühe, weil wir es verlernt haben. Kinder sind sehr achtsam – können sich im Augenblick verlieren – im Hier und Jetzt. Es wieder zu lernen verbessert die Lebensqualität – ist es doch ein Ankommen im Hier und Jetzt. Raus aus der Spirale der sich immer wieder drehenden und verfangenden Gedanken in das Wahrnehmen der Wirklichkeit – dem Hier und Jetzt.

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du bist

Sei zufrieden

Mit dem

Was

Du nicht hast

Sei zufrieden

Mit dem

Der

Du nicht bist

Chao-Hsiu Chen 2)

Wenn es um die Liebe geht, bedeutet das – so wie in allen anderen Dingen auch – wahrzunehmen was ist.

Wahrzunehmen, welche Gefühle in dir da sind – ohne sie in gute und schlechte Gefühle zu bewerten.

Wahrzunehmen welche körperlichen Empfindungen du spürst – ohne sie in gute und schlechte Empfindungen zu bewerten.

            „Bei Gott ist alles schön und gut und gerecht; die Menschen aber halten einiges für gerecht , anderes für ungerecht.“ 3)

Wenn du bei dem bleibst, was jetzt gerade im Moment ist, wenn du dir erlaubst, das ohne Bewertungen wahrzunehmen, wirst du merken, wie wahrhaft konkret dieser Moment ist.

Darum geht es – um das „Hier und Jetzt“.  

Und wenn du nicht mehr bewertest, wirst du aufhören zu beurteilen / zu verurteilen. Du wirst auch aufhören, bestimmte Gefühle (die guten) haben zu wollen, und andere (die schlechten) nicht haben zu wollen.

Du wirst Liebe empfinden – Lust / Freude / Ärger / Angst / Schmerz / Traurigkeit / und so weiter und so fort …

Ja, das ist das Leben. Dies alles.

Du wirst die breite Palette der Gefühle erleben / wirst dir erlauben sie zu spüren und auszukosten – und wenn du akzeptierst, dass dies der wahrhaftige Moment deines Lebens im Hier und Jetzt ist, dann – und nur dann- wirst du es auch merken, wenn sich wieder etwas verändert hat in dir. Auch Gefühle verändern sich – kommen und gehen.

Eine Veränderung, die in dir durch das Leben stattfindet und nicht weil du glaubst, etwas verändern zu müssen. Das Leben selbst wandelt sich …

Der griechische Philosoph Heraklit lehrte, „dass alles fließt“ (Panta rhei) und „nichts so beständig ist wie der Wandel“. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach.“3)

Wenn du dich bemühst, etwas zu verändern, ist es mühsam weiter zu kommen.

Wenn du glaubst, du machst so viele Fehler, und musst dich bemühen, das raus zu kommen, wird das der Beginn einer langen mühsamen Reise für dich sein.

Am Ende wirst du – vielleicht / hoffentlich – dort ankommen, wo du bereits immer schon warst – im Moment deines Lebens / im Hier und Jetzt.

Wir dürfen Fehler machen / fehlerhaft sein.

Wir dürfen die höchsten Freuden der Lust und Liebe empfinden und die tiefsten Qualen der Liebe.

Und trotzdem – trotzdem – sind wir vollendet.

Kling wie ein Widerspruch.

Ja, wenn wir nach unseren tradierten und erlerntem Wertesystem denken und empfinden.

Nein, wenn wir akzeptieren / achtsam sind und wissen, dass es gut ist so wie es ist.

Es ist so wie es ist …

1) Dzogchen sagt: „Iss den Apfel, du brauchst ihn nicht zu backen.“ Das Wort Dzogchen heißt die Große Vollendung. Das bedeutet, dass die Dinge so wie sie sind bereits fertig, vollendet sind. Es ist – was es ist. (…) wir sind damit beschäftigt Dinge zu verbessern, zu verändern, die natürlich belassen vielleicht ebenso gut wären.“

Interview mit James Low im Magazin der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Januar bis März 2020.

2) Chao-Hsiu Chen: Im Tempel der Stille, Gustav Lübbe Verlag

3) Den Ursprung des Guten und der Harmonie im Leben verortete Heraklit im Logos, dem göttlichen Wort bzw. der universellen Vernunft (das griechische Wort lógos bedeutet etwa Wort, Sprache, Rede, Grund, Anlass, Vernunft). Der Logos war kein personifizierter Gott sondern eine feurige Kraft oder ein feuriger Prozess göttlicher Natur, der alles durch schöpferischen Kampf im besten Sinne ordnete.

Gregory Bassham: Das Philosophiebuch, Librero

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