Das Weltklima, Zivilisation, Kultur und die Bishnois – eine Gegenüberstellung

Wir sind nicht die Herrscher*innen über die Natur. Wir sind ein Teil der Natur.

Der Ökonom Niko Paech rügt den Lebensstil vieler Bürger*innen und bezeichnet sie als „Ökologische Vandalen“. Er meint, dass sie sich über die fatalen und umweltschädlichen Folgen ihres Lebensstils selbst täuschen, und dass eine „Entrümpelung unseres Lebensstils“ dringend notwendig sei.

„Die Bishnoi sind ein Volk, das größtenteils in der Wüste Thar im indischen Bundesstaat Rajasthan lebt. Bishnoi bedeutet „Neunundzwanzig“ und bezieht sich auf die 29  ökologischen und spirituellen Gebote, die Jambheshwar, der Gründer der Gemeinschaft aufstellte. Diese Gebote verbieten unter anderem den Verzehr von Fleisch und das Fällen von Bäumen.

Seit mehr als 500 Jahren konnten die Bishnoi so unter schwierigen klimatischen Bedingungen überleben. Sie leben strikt lakto-vegetarisch und vertreiben auch alle Jäger und Wilderer aus ihren Gebieten. Verlassene Jungtiere werden sogar von den Bishnoi-Frauen gestillt. Eine der größten Populationen der Hirschziegenantilope konnte sich auf diese Weise im Tal des Luni halten.“ 1)

Und während ich dies schreibe höre ich bereits die Stimmen – aber das kann man ja nicht vergleichen / und es können doch nicht alle vegetarisch leben / das sind Naturvölker, die in der Wüste leben und wir leben im zivilisiertem Europa / naive Vorstellungen sind das …

Naive Vorstellungen?

Zivilisation?

„Als Zivilisation wird eine menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. 

Und weiter – Zivilisation ist eine durch Erziehung und Bildung erworbene, verfeinerte Lebensart.“ 2)

Die verfeinerte Lebensart möchte ich einmal dahingestellt lassen, nehme ich doch eine zunehmende Rücksichtslosigkeit innerhalb unserer „zivilisierten Gesellschaft“, gleichfalls zunehmende Gewaltexzesse – nicht nur durch die von den Medien in den Vordergrund gespielten terroristischen Anschläge, sondern auch und vor allem gegenüber Kindern und Frauen, und innerhalb der Familien, wahr.

Sehen wir uns einmal die Definition der „die einem Volk zugesprochene Zivilisation“ an.

„Lebensbedingungen, die gekennzeichnet sind durch:

  • Arbeitsteilige Wirtschaft
  • Städtebau
  • ein gewisses technisch-mechanisches Entwicklungsniveau
  • eine hierarchisch geordnete Verwaltungs- und Machtstruktur
  • gewisse hochkulturelle Genauigkeit
  • institutionalisierte Rechtsprechung
  • einen gewissen materiellen Wohlstand“ 2)

Und nun ein Auszug aus den 29 ökologischen und spirituellen Geboten der Bishnois

  • Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann
  • Töte niemals ein Tier, egal wie klein es ist
  • Iss niemals Fleisch
  • Gib Schafen und Ziegen einen Unterschlupf, um sie vor Schlachtung zu bewahren
  • Denke, bevor du sprichst
  • Habe Verständnis zu vergeben
  • Kritisiere nicht ohne Grund
  • Habe Mitgefühl mit allem, was lebt
  • Fälle niemals einen Baum, beschneide keinen grünenden Baum 1)

Wenn ich mir die Definition der „Zivilisation“, und vor allem auch die lebensfeindlichen Auswüchse / Klimaschädigung / etc. dieser Zivilisation vor Augen führe, wäre dann die „Zivilisation“ nicht als negativ zu bewerten?

Wilhelm von Humboldt meint, dass Bildung und Entwicklung der Persönlichkeit Momente der Kultur seien, während rein praktische und technische Dinge dem Bereich der Zivilisation zugehören.

Dem kann ich mich nur anschließen.

Die früheste Formulierung dieses Gegensatzes  in der deutschen Sprache stammt von Immanuel Kant:

„Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus.“ 3)

Nach Albert Schweitzer erstrebt die Kultur letztlich „die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“. In unserer heutigen Sprache bedeutet dies wohl Selbstreflexion (Ende der Selbsttäuschung) und Weiterentwicklung des Einzelnen – damit auf längere Zeit der Gesellschaft und schlussendlich auch der Zivilisation.

Spiritualität fehlt in unserem Leben.

„Nur Narren loben und verherrlichen die Moschee
Während sie Herzen voll von Liebe und Glauben unterdrücken“

(Rumi, persischer Mystiker)

Rumi betont damit den Vorrang der Liebe vor formaler Religionsausübung.

Spiritualität hat nichts mit den Religionen zu tun. Und Rumis Moschee könnte auch durch Kirche oder Tempel ersetzt werden.

Spiritualität beinhaltet das Wissen über die Zusammenhänge – dass wir alle Eins sind.

Mensch und Natur – dass die Natur nicht etwas von uns getrenntes ist, sondern dass wir als Menschen ein „Teil der Natur“ sind. Das macht uns ein bisschen kleiner. Stutzt uns zurecht.

Wir sind nicht die Herrscher*innen über die Natur. Wir sind ein Teil der Natur.

Damit sieht die Sachlage schon etwas anders aus. Und vielleicht trägt diese Erkenntnis zur anderen Erkenntnis bei, dass, wenn wir die Natur um uns herum schädigen, uns auch selbst schädigen.

Erleben wir das jetzt nicht fast täglich?

Als Abschluss möchte ich den Leser*innen dieses wunderbare Video „ans Herz legen“- die Geo Reportage: „Bishnoi, Tierliebe bis in den Tod“

Inhaltsbeschreibung zitiert:

„Die Wüste Thar im Nordwesten Indiens. Schon früh am Morgen geht Ramniwas Budhnagar hinaus, um Wasser und Futter für die wilden Tiere bereitzustellen. Ramniswas‘ Familie gehört zum Volk der Bishnoi. Bishnoi bedeutet „29“, abgeleitet von den 29 Geboten, die Guru Jambeshwar vor etwa 500 Jahren für seine Gemeinde aufstellte.

Zu jener Zeit drohte das Land durch Konflikte zwischen Muslimen und Hindus und Rivalitäten innerhalb der verschiedenen Kasten auseinanderzubrechen. Jambeshwar glaubte, dass der einzige Weg aus dieser Situation ein absoluter Respekt gegenüber jedem Leben ist. Dafür stellte er die 29 Regeln auf. Sie betreffen die tägliche Hygiene ebenso wie die Art zu sprechen, die Ernährung, das Mitgefühl und das Vergeben gegenüber anderen. Auch das Verbot Tiere zu töten und Bäume zu fällen ist in den 29 Regeln festgeschrieben. Damit gehören die Bishnoi seit 500 Jahren zu den ersten Umweltschützern der Welt.

Bis heute versuchen sie ihren Idealen treu zu bleiben, in einer globalisierten Welt, in der wenig Platz für Individuen und Lebensformen jenseits der Moderne ist. Die jungen Bishnoi wandern in die Städte ab. Diejenigen, die bleiben, kämpfen weiter für die Rechte der Tiere, verarzten verwundete Gazellen und pflegen sie in den eigenen Tempeln gesund. Aber sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Längst greift Ramniswas auf moderne Kommunikationsmittel wie das Mobiltelefon zurück, organisiert Demonstrationen, über die am nächsten Tag in der Zeitung berichtet wird. Aber wird das reichen, um den Bishnoi und ihrem Kampf ein dauerhaftes Überleben zu sichern?“ 4)

Wird das reichen, um den Bishnoi und ihrem Kampf ein dauerhaftes Überleben zu sichern?

Vielleicht – wenn wir unsere Zivilisation mit Kultur und Spiritualität verbinden, und  mit Achtung, Respekt und einem liebevollem Herzen mit unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und uns selbst umgehen.

Wie heißt es in den Geboten der Bishnois?

Großmütige und achtungsvolle Beziehung zwischen Frau und Mann

Habe Verständnis zu vergeben

Habe Mitgefühl mit allem, was lebt ….

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Bishnoi

2) https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation

3) https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur

4) https://www.youtube.com/watch?v=zyOFQFpX61w

Foto: https://programm.ard.de/TV/Themenschwerpunkte/Dokus–Reportagen/Alle-Dokumentationen/Startseite/?sendung=287242316318105

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