Das Geheimnis des Berges

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Im Mai war ich für vier Wochen auf Teneriffa. Dies ist die Erzählung einer Wanderung auf einen Berg des Anagagebirges an der Küste von Bajamar.

 

Als ich an diesem frühen Morgen zu meinem täglichen Spaziergang aufbreche, weiß ich noch nicht, dass ich dem Ruf des Berges folgen werde.

Es gibt Berge, die rufen mich zu sich, genau so wie es Bäume gibt, die mich rufen. Wir können sie hören, wenn wir ganz still werden und unsere Gedanken schweigen.

Dann, und nur dann – können wir sie hören.

Das Meer braucht mich nicht zu rufen. Es ist immer in mir. Vielleicht sollte ich sagen, ich bin Teil davon. Ein Teil des Meeres. Das ist schön. Das gefällt mir.

Zwei starke Kräfte. Urgewalten. Die Berge und das Meer. Wenn sie sich beide nahe sind, so wie auf dieser Insel, ist es ein Geschenk der Götter. Doch so wie jedes Geschenk der Götter kann es auch gefährlich sein. Dann, wenn dieses Geschenk eigentlich ein Spiel für sie ist und  ihr dröhnendes Gelächter ertönt, wenn wir dieses Spiel verlieren. Sind wir Menschen doch nur ein kurzes Zwischenspiel in der Welt der Götter, der Berge und des Meeres. Nicht mehr als ein Wimpernschlag – vielleicht.

Der Berg ist ein Teil des Anagagebirges und ich kenne seinen Menschennamen nicht, der auch belanglos ist. Später wird er mir seinen eigenen Namen nennen. Heute, an diesem Morgen, hat er sich, wie so oft, und wie die Berge um ihn, in dicke Wolkenhauben gehüllt. Tief sinken sie herab in Wolkengespinsten, und feine Tröpfchen, kaum spürbar, benetzen mein Gesicht.

Ich gehe durch den kleinen Ort und betrete eine schmale Straße, die steil bergauf führt und bei den letzten Häusern endet. Links tanzen Gräser im Wind; rechts fügt sich Stein an Stein in einer alten Steinmauer. Grauer Stein wechselt ab mit dunklem Lavagestein. Aus den Ritzen drängen sich an langen, dicken Stielen Kaktusse. Palmen stehen auch hier oben auf dem Berg. Doch nicht die leichtfüßigen, hohen schlanken Palmen des Meeres. Die hier sind kleinwüchsig und stämmig, haben dichte grüne Wedel.

Auf halber Höhe des Berghanges links von mir sehe ich eine Wohnhöhle im Lavagestein. Auf einer kleinen, ebenen Fläche davor ein Hühnerstall. Ein Hahn kräht. Ein alter Mann füttert die Hühner, bleibt stehen und schaut aufs Meer. Lange Zeit stehen wir beide so und schauen aufs Meer. Jeder auf einem anderen Berg. Jeder für sich.

 

Von oben, dem höchsten Punkt meiner Wanderung, weit entfernt vom Gipfel noch, verliert sich mein Blick in der Weite des Meeres, begrenzt durch die Linie des Horizonts.

Wenn ich mich wieder umdrehe und nach oben zum Berg schaue – es ganz still wird in mir und ich lausche, beginnt er zu sprechen. Er erzählt mir über die Jahrmillionen seines Seins. So genau kann er sich nicht mehr erinnern an seine Geburt – sind es 7 oder 9 Millionen – als er durch einen Lavastrom aus einem Vulkan geboren wurde. Er erzählt mir über die Mythen und Sagen, die sich Menschen über ihn erzählen. Und auch über seine Einsamkeit. Doch – sagt er, ist ihm diese Einsamkeit lieber, als die immer mehr zunehmenden Menschenmassen, die sich täglich auf seinen Bruder, den Teide, drängen. Nein, sagt er, da bleibe er lieber alleine.

Gerne würde ich ihm noch näher kommen, ganz nach oben steigen, doch der schmale Pfad, den ich bis jetzt gegangen bin, verliert sich langsam im Nebel. Es ist kein Wanderweg. Ich bin einfach losgegangen. Habe mich von seinem Ruf leiten lassen. Niemand weiß, wo ich bin. Das Grün der Flechten und Moose, Sträucher, die ich nicht kenne, schließen sich um mich. Meine Kräfte sind begrenzt, meine Vernunft setzt ein. Aus mit der Gedankenlosigkeit. Ich verliere zunehmend den Kontakt zu ihm und nehme Abschied.

Was ich ihm geantwortet habe auf seinen Ruf und was ich ihm erzählt habe, bleibt unser Geheimnis.

Wenn ich längst zu Hause sein werde – wieder weg von der Insel –  und ich weiß nicht, wie viele Jahre lang, wird er noch immer Einatmen – den einen Atemzug, den er begonnen hat, als ich bei ihm war.

Ich, in meiner Endlichkeit stehe staunend und mit Ehrfurcht auf diesem Zeitlosen. Und wenn ich mich umdrehe, begegnen sich dort unten am Fuße des Berges, die zwei mächtigen Zeitlosen – der Berg und das Meer.

Tag für Tag, Nacht für Nacht, schlagen die Wellen des Meeres an den Stein des Berges.

Ein Handschlag? Eine Machtprobe?

Wer weiß das schon …

019

Das größte Glück des Reisens für mich sind stets die Momente der vollkommenen Stille und Einsamkeit – dann, wenn die Berge, die Bäume, das Meer, das Land, mir ihre Geschichten erzählen …

(Teneriffa, 19 05 2019)

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