Nachdenklichkeiten über unseren Stadtteil, Veränderungen, Ängste, Zugezogene, Kastensysteme …

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Ich wuchs im Stadtteil Wagram in St. Pölten auf und lebe jetzt auch wieder dort. Gegründet wurde dieser als Einfamlienhaussiedlung 1932 – 1938.

In meiner frühesten Kindheit gab es keine Gartenzäune zwischen den Häusern, und zur Straße hin eine Lebendhecke – zumeist Liguster. Die Haustüren waren immer offen.

Mit der Zeit kamen einfache Gitterzäune zwischen die Häuser, die Haustüren waren noch immer offen, auch wenn wir hinter dem Haus im Garten waren.

Dann wurden vor den Gitterzäunen zum Nachbarn Thujen gesetzt. Der Liguster zur Straße wurde entfernt, und auch hier wurden stabilere Zäune gebaut. Unser Zaun wurde mit einem  Natursteinplattensockel und einem Metallgitter gebaut. Die Gartentüren wurden zugesperrt, die Haustüren blieben noch immer offen. Das blieb lange Zeit so.

In den letzten Jahren kamen die Thujen raus und Sichtschutzwände zum Nachbarn wurden aufgestellt. Fenster wurden zum Teil vergittert. Die Haustüren werden zugesperrt. 

Jetzt werden auch straßenseitig Sichtschutzwände aufgestellt und Alarmanlagen eingebaut.

Obwohl die Menschen in den ersten Jahren der Nachkriegszeit traumatisiert waren, es auch viel Unsicherheit gab, gab es doch auch Vertrauen. Oder gab es diese Unbeschwertheit der offenen Türen, weil es in den Häusern nichts zu holen gab? Vielleicht von beidem etwas.

Jetzt wird in den Häusern immer wieder eingebrochen, erzählen sie, und die Menschen reagieren mit Angst und Verunsicherung. Gibt es doch jetzt einiges zu holen in den Häusern.

Die Menschen in der Siedlung teilen sich auf in die Generation meiner Mutter, geb. 1929 – wenige gibt es noch im Alter um die 90 Jahre. Dann folgt bereits meine Generation, geb. 1950 – zum Großteil sind sie nie von der Siedlung weggezogen und haben die Häuser ihrer Eltern übernommen, oder sie sind im Pensionsalter zurückgekommen, so wie ich auch. Und dann gibt es noch die Zugezogenen aller Altersstufen – junge Paare mit Kindern oder Pensionisten. Ist Wagram doch von einer Randsiedlung zu einem begehrten Wohnstadtteil von St. Pölten geworden – auch durch die Nähe zu dem Erholungsgebiet mit den zwei Badeseen und einem Naturschutzsee. Über die Zugezogenen, die die alten Häuser abreißen und Neue bauen, gibt es größtenteils Unmut. Müssen diese sich doch heute nicht mehr an die ehemaligen Bauvorschriften, dass neue Häuser in das Gesamtbild passen müssen, halten und stellen auch schon mal Betonburgen mit großen Terrassen im ersten Stock auf. Da hilft der ganze Sichtschutz des Nachbarn am Gartenzaun nichts mehr.

Wenn ich mit Menschen spreche, höre ich sehr viel an Ängsten. Angst vor Einbrüchen und vor Flüchtlingen und Asylanten, an die wenige Häuser vermietet werden. Bis jetzt kenne ich nur zwei Häuser, die an syrische Familien vermietet wurden. Sie pflegen diese Häuser und die Gärten genauso penibel wie ihre Nachbarn. Da sieht unser Garten wesentlich wilder aus. Zu Gesicht bekam ich sie selten. Sie fühlen sich nicht willkommen.

Als ich die Familie, die in unserer Straße wohnt, zum ersten Mal grüßte, waren sie misstrauisch, vorsichtig. Jetzt stürzen sie aus dem Haus, wenn sie mich sehen. Sie lachen und strahlen. Schön, welche Freude das macht – ihnen und mir.

Bei Mitbürger*innen aus dem Ausland muss ich immer an das Kastensystem in Indien denken. Denn auch hier, bei uns, gibt es ein Kastensystem. Und unsere Mitbürger*innen, aus welchem Land auch immer, sind eindeutig in der untersten Kaste – den Dalits oder Harijans. Diese Dalits dürfen mit den oberen Kasten nicht in Berührung kommen, sie dürfen nicht in ihre Häuser, nicht gemeinsam essen, nichts berühren, was den oberen Kasten gehört. Das ist erbärmlich – zum Erbarmen.

Wenn ich über das Kastensystem nachdenke erinnere ich mich an meine erste große Liebe. Er stammte aus dem „Dörfl“. In unserem Stadtteil gibt es einen Bereich, der offiziell „Im Dörfl“ heißt. Auch heute noch. In diesem Dörfl gab es sieben Bauernhöfe. Heute sind es nur mehr drei. Meine erste große Liebe, mein späterer erste Ehemann, stammte aus einem dieser Bauernhöfe. Er wurde kein Bauer, er machte eine Tischlerausbildung. Ich kam aus der Arbeitersiedlung. In meiner Familie waren auch keine Arbeiter mehr, sondern Angestellte. Und trotzdem hieß es von seiner Familie – nicht mit einem Arbeiterkind; und von meinen Eltern – nicht mit einem Bauernbuben. Klassenbewusstsein im Jahre 1965.

Zurück in die Jetzt-Zeit: Mit den Einbrüchen scheint es mir so zu sein wie mit der stillen Post. Mit jeder Person und jeder Nacherzählung werden es mehr.

Die Häuser sind zum Großteil renoviert und ausgebaut. Die Garagen sind in etwa so groß wie mein kleines Häuschen (ich habe mir im Garten meines Sohnes ein kleines Haus gebaut). Es gibt Gartenschwimmteiche oder überdachte Pool. Ich sehe, den Menschen geht es gut. Auf der materiellen Ebene. Ansonsten herrschen Unzufriedenheit und Ängste vor. Wenn ich auf Nachfrage sage, dass es mir gut gehe, schauen sie mich ungläubig an. Wie kann es einem gut gehen in so unsicheren Zeiten. Zumindest ein bisschen jammern und klagen. Zumindest über das Wetter. So soll’s sein.

Angst habe ich keine. Verunsicherung ja. Das merke ich so hie und da, wenn ich mir überlege ob ich meine Haustür versperren soll, wenn ich in den Garten hinter dem Haus gehe. Und es gefällt mir gar nicht. Nein, es gefällt mir nicht. Nimmt mir dies doch meine Unbeschwertheit – meine Freiheit.

Ich möchte weiterhin mit Unbeschwertheit in der Welt sein – ob in meinem Haus und Garten oder unterwegs – und ich übe. Verlustangst um mein Hab und Gut habe ich keine, habe ich mich doch in den letzten Jahren von vielen materiellen Dingen getrennt. Und ich weiß, ich kann auch ohne diesen Besitz leben. Angst vor Verlust meines Lebens, weil ich mich weiter uneingeschränkt in der Welt bewege? Nun, ich habe schon viel gute Jahre gelebt. Sollte es so sein, dass ich mein Leben verliere, dann ist es so.

Und nur so kann ich mich angstfrei, unbeschwert und voll Vertrauen in meiner Welt bewegen.

Wie geschrieben – ich übe. Dies ist ein Zustand, der nicht immer hundertprozentig da bleibt. Um ihn zu stabilisieren ist es immer wieder notwendig, nicht andauernd alle schlechten Nachrichten zu konsumieren, sondern sich auf die guten Nachrichten zu konzentrieren.

Und – Achtsamkeit auf die eigenen Gedanken und das eigene Tun.

Geschichte über die Entstehung:

In den Jahren 1932 bis 1938 entstand am Ostrand Wagrams in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde und der bis heute bestehenden „Allgemeinen gemeinnützigen Wohnungsgenossenschaft St. Pölten“ nach Plänen des Architekten Rudolf Wondracek die sogenannte (Stadt-)Randsieldung. Meine Großeltern begannen 1936 mit dem Hausbau.

Ab Oktober 1935 als „Dollfuß-Siedlung“ bezeichnet, wurde sie nach dem Anschluss 1938 in Dietrich-Eckhart-Siedlung „umbenannt.

Schließlich erhielt die Siedlung in der Nachkriegeszeit die Benennung „Hubert Schnofl-Siedlung“ – zur Erinnerung an den von 1919 bis 1933 amtierenden sozialdemokratischen St. Pöltner Bürgermeister.

Foto: Häuser 1935

 

 

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7 Kommentare zu „Nachdenklichkeiten über unseren Stadtteil, Veränderungen, Ängste, Zugezogene, Kastensysteme …

  1. Liebe Monika,
    als wir mit dem Umbau deines Eltern/ Großelternhauses begonnen haben wurden wir von der Wiener Baufirma immer gefragt warum bei uns die Türen nicht versperrt sind 😉
    Wir fühlen uns sehr wohl in der Siedlung obwohl manche gerne über Hund oder Huhn meckern 😉

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    1. Liebe Denise, das freut mich, dass ihr euch in der Siedlung und meinem Eltern-Großelternhaus wohlfühlt. So soll es sein! 🙂
      Ich habe über die Veränderungen in dem Biotop Wagram geschrieben, weil es mir aufgefallen ist und man aus dieser Veränderung auf die Veränderungen in der Gesellschaft allgemein schließen kann.
      Ich fühle mich auch wohl, obwohl mir Wien so manches Mal noch fehlt … 😉

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  2. Ein toller Beitrag. Er beschreibt die Ängste, die durch die immer nur schlechten Nachrichten in den Medien geschürt werden. Dabei gibt es bei weitem mehr Gutes. Darauf sollten wir uns konzentrieren. Ich lebe in der Großstadt Köln und bewege mich angstfrei. Gut, ein paar Dinge vermeide ich, wie spät in der Nacht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Nach einem Theaterbesuch oder ähnlichem nehme ich immer ein Taxi. Im Großen und Ganzen aber, fühle ich mich nicht unsicher. Ich lasse mir das Leben nicht vermiesen.

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    1. Ja, Karin – bevor ich vor sechs Jahren nach St. Pölten zurückkam, habe ich 35 Jahre in Wien gelebt. Ich war auch immer spät nachts unterwegs – habe mich nie unsicher gefühlt …
      Und nochmals ja – wir lassen uns das Leben nicht vermiesen! 🙂

      Liebe Grüße nach Köln!

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  3. Schöner Beitrag! Ja, es verändert sich viel in einem Menschenleben … Wir wohnen in einer sehr bäuerlichen Umgebung und da sind die Haustüren unversperrt – es heißt heute noch „… es hat uns doch noch nie jemand was gebracht, haha…“

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    1. Das ist schön, Judith! Es hat etwas Unbeschwertes und Einladendes, wenn die Haustüren unversperrt sind – das ist so ein angenehmes Lebensgefühl! Ich denke mir, die Menschen haben vergessen, wie angenehm sich das anfühlt … 🙂
      “ … es hat uns doch noch nie jemand was gebracht … – find‘ ich super! 😀

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