Über Süchte und warum ich mich wieder einmal aus den sozialen Medien zurückziehe

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Mein ganzes Leben lang war ich süchtig nach Wissen und daher auch nach Informationen. Facebook, und das Internet allgemein, ist für mich ein Wissenspool. Immer wieder werde ich aufmerksam auf Neues. Neues, das mich fasziniert, und von dem einen zu wieder anderem führt. Es ist scheinbar endlos.

Abgesehen von der Wissensvermittlung schätze ich facebook sehr, weil es mich zeitnah am Leben von FreundInnen – wirklichen, auch persönlich bekannten FreundInnen – teilnehmen lässt. Wenn ich aber beginne, in meinem Alltag, mit allem was ich mache daran zu denken, dass ich das auch teilen könnte/möchte; wenn ich beginne, bei all dem Schönen, das mich umgibt daran zu denken, dass ich davon ein Foto machen könnte, um es zu teilen, bin ich selbst nicht mehr vorhanden in meinem Leben. Ich beginne, es durch die Augen der anderen zu sehen und der Moment des Lebens ist nicht mehr mein Moment. Nicht für all meine Sinne, und vor allem nicht für mein Herz und meine Seele.

Der Moment meines Lebens ist nicht mehr mein Moment, wenn ich ihn durch die Augen von anderen sehe.

Mein Herz und meine Seele brauchen Zeit um wahrzunehmen, um es in Herz und Seele aufzunehmen, und es in meiner inneren Schatzkiste verwahren zu können. Dazu brauche ich intensives Wahrnehmen und Aufnehmen – und keine Gedanken dabei an andere.

„Achtsamkeit ist nicht das Gleiche wie Konzentration.

Konzentration ist Ausschließung.

Achtsamkeit, die umfassendes Gewahrsein ist, schließt nichts aus.“

(Jiddu Krishnamurti)

 

Ich habe nie die die Sätze von Menschen, die ich sehr oft gehört habe, verstanden – „… wenn ich niemanden an meiner Seite habe, mit dem ich die schönen Momente teilen kann, dann freut/interessiert es mich nicht“. Ich kenne es, wie schön es ist, einen geliebten Menschen an der Seite zu haben, mit dem man schöne Momente in Schweigen, Achtsamkeit und Verinnerlichung gemeinsam genießen kann. Das ist wunderschön und auch bereichernd.

Doch – dies alles kann ich auch alleine. Nur für mich.

Meine Süchte waren vielfältig. War es früher u.a. auch die ewige Suche und Sucht nach Grenzerfahrungen, musste ich mich davon befreien, um mein Leben zu überleben.

Mein alternder Körper hat mir Grenzen gesetzt. Lange Zeit, über 50 Jahre, hat er alle meine Eskapaden und Exzessivitäten klaglos mitgemacht. Als er begann zu streiken, hat mich das erst entsetzt, dann wütend und später ratlos gemacht.

Was jetzt? Wie soll ich jetzt leben?

Nun, heute, bin ich in erster Linie meinem Körper dankbar, dass er so lange klaglos funktioniert hat. Dass dies nicht selbstverständlich ist, erkannte ich erst spät. Und aus dieser Dankbarkeit erwuchs meine Sorgsamkeit mit ihm. Ich danke es ihm jetzt in der Form, dass ich sorgsamer mit ihm umgehe.

Und diese Sorgsamkeit wende ich auch auf meine Seele an.

Ich verwende jetzt einfach den Begriff der Seele für mein innerstes Sein, obwohl ich weiß, dass es nicht so einfach ist mit der Begrifflichkeit der Seele. Aber darum geht es jetzt nicht.

Mein innerstes Sein hat Sehnsucht nach Kontemplation und Meditation.

Die Sehnsucht nach Rückzug, und die Zeit, die ich mir damit für mein Selbst gönne, ist nicht etwas, das erst mit dem Alter entstanden ist. Ich habe sie seit der Mitte meines Lebens.

Es begann mit dem Ausstieg aus einem ersten Berufsleben als Angestellte mit 34 Jahren.

Eine dreimonatige Reise durch Indien, das kennen lernen des Buddhismus, konfrontierte mich damals erstmals mit der Frage „Was mache ich da eigentlich?“, „Wie lebe ich?“ – und – in der Folge „Wie will ich eigentlich leben?“ Damals gönnte ich mir meinen ersten Rückzug, der zwei Jahre lang dauerte. Es brauchte einige Zeit, meine Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen, zu erkennen und mich neu zu orientieren. Ich machte dann eine zweite Ausbildung zur Psychotherapeutin, und ich machte mich selbständig. Ich wollte nicht mehr abhängig sein, wollte nicht, dass andere über meine Zeit bestimmen. Auch damals schon war es mir sehr wichtig, über meine Zeit selbst bestimmen zu können, und vor allem Zeit zu haben, mich immer wieder zurückzuziehen. Sei das jetzt in langen Reisen in fremde Länder, um Kulturen und Menschen kennen zu lernen, in Studienreisen, oder zu Meditationszeiten in einem buddhistischen Kloster.

„Gut und achtsam mit den Dingen umzugehen tut mir selbst gut“ schreibt Anselm Grün in seinem Buch „Gut mit sich selbst umgehen“.

Das eine bedingt das andere. Wenn ich gut und achtsam mit mir selbst umgehe, werde ich auch behutsam mit den Dingen des täglichen Lebens, mit meiner Umwelt und den Menschen umgehen.

Dazu komme ich immer wieder auf die für mich wichtige Übung der „vier großen Anstrengungen“ von Buddha zurück:

  1. Einen unheilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, nicht aufkommen zu lassen.
  2. Einen unheilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, nicht weiterführen.
  3. Einen heilsamen Gedanken, der noch nicht aufgekommen ist, aufkommen lassen.
  4. Einen heilsamen Gedanken, der schon aufgekommen ist, weiterführen.

Dieses Originalzitat von Buddha mag zwar für unsere Ohren merkwürdig klingen, aber es ist eine grundlegende und beachtliche Übung. Wenn man sich darauf einlässt, ist es der Beginn eines Läuterungsprozesses, der in einer großen Erleichterung – dem Loslassen einer Bürde – mündet. Dieser Erinnerung bedarf es immer wieder. Zumindest für mich.

Ich möchte nochmals Jiddu Krishnamurti zitieren. Er sagt:

„Wenn Sie die Schönheit eines Vogels, einer Fliege, eines Blattes sehen wollen oder einen Menschen mit all seinen Schwierigkeiten zu verstehen suchen, müssen Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit, die ein unmittelbares Gewahrsein ist, dafür hingeben. Und Sie können das nur tun, wenn Ihnen daran etwas liegt, wenn es Ihnen zutiefst um das Verstehen zu tun ist – dann geben Sie Herz und Geist daran.“

Zeit – ja, es kostet Zeit. Und damit fordert es eine Entscheidung, wofür ich meine Zeit aufwende. Ich gebe dafür meine Aufenthalte in facebook hin. Und – auch eine Entscheidung, die ich getroffen habe, mein Smartphone. Wie lange habe ich mich geweigert, ein Smartphone zu besitzen – bis vor einem Jahr. Nun verwende ich es kaum. Ich habe weder Internet, Messenger, etc. aktiviert, ich habe kein WhatsApp, ich fotografiere nicht damit. Ich weiß um die Gefahr meiner Sucht – noch schneller und überall und zu jeder Zeit informiert zu sein. Nein, ich will das nicht. Deshalb werde ich es wieder gegen ein Handy eintauschen. Ich will nicht dauernd erreichbar sein. Und meine Fotos, wenn ich denn welche mache, mache ich mit meinem alten Fotoapparat.

War mir mein Rückzug in früheren Jahren sehr wichtig, weil ich wusste, dass ich sonst immer wieder meine Achtsamkeit verliere, ist er mir jetzt zusätzlich noch wichtig, weil ich nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung habe. Ich weiß nicht, wie viele Jahres“zeiten“ ich noch erleben darf. Zeit ist noch kostbarer geworden …

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben,

einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

(Pippi Langstrumpf)

 

 

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3 Kommentare zu „Über Süchte und warum ich mich wieder einmal aus den sozialen Medien zurückziehe

  1. Ein sehr schöner Beitrag ;).
    Doch sehr wahr. Zeit ist sehr kostbar. Und manchmal tut es einfach dem Geist gut sich Zeit für sich selbst zu gönnen.
    Ich mache das auch sehr gerne. Jeden Tag, wenn ich Zazen sitze. Etwas, das früher für mich undenkbar war, hatte ich doch immer irgendwo das Gefühl etwas zu verpassen, wenn ich mich nicht irgendeiner Tätigkeit widme.
    Früher sah ich das auch so, dass es doch viel schöner ist einen schönen Moment mit einem geliebten Menschen zu teilen, statt für mich allein zu verbringen. Doch wie bei so vielem kommt es viel auf die Sichtweise an, mit denen man die Umstände betrachtet.
    Ich genieße es für meine Freunde da zu sein, mit ihnen Zeit zu verbringen, doch gleichwertig genieße ich auch die Zeit allein in Stille.

    Soziale Netzwerke haben es oft an sich, dass man das Gefühl bekommt man müsse stets Zeit darin investieren, da man sonst etwas verpassen würde. So sind viele Menschen heutzutage auch im persönlichen Kontakt viel zu oft mit ihrem Handy beschäftigt, statt das Leben um sie herum wahrzunehmen. Von daher bin ich auf facebook kaum mehr unterwegs. Und mein Handy schalte ich manchmal auf Offlinemodus, wenn ich meine Ruhe möchte.
    Ich nutze soziale Netzwerke dafür um mehr Menschen zu erreichen was meinen Blog angeht. Ansonsten um mit mir wichtigen Menschen in Kontakt zu bleiben. Dennoch halte ich es moderat.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Cordula,

      danke dir für deinen Beitrag!
      Ja – das etwas verpassen, wenn ich mich nicht irgendeiner Tätigkeit widme, war immer wieder ein zentrales Thema in meinem Leben. Ich meditiere nun seit ca. 35 Jahren (Vipassana Meditation), und am Beginn konnte ich mir das erlauben, da ich auch beim Sitzen oder der Gehmeditation das Gefühl hatte – ich tu ja etwas – nämlich meditieren … 😉
      Bei meinen längeren Reisen fiel es mir sehr schwer, wirklich „nichts zu tun – Land und Menschen wahrzunehmen/kennenlernen/einfach Dasein“ – bis ich es gelernt hatte. Dahinter die Familienprägung „hast du nichts zu tun …?“

      Nun, heute halte ich es mit Pippi Langstrumpf: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

      Dazu meinen Beitrag „vom unendlichen Schauen“ über meinen Triestaufenthalt: https://monikakrampl.wordpress.com/2017/06/03/triest-impressionen/

      Alles Liebe Monika

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo Monika,

        ein wirklich schöner Beitrag zum unendlichen Schauen ;).

        Das ist wohl auch dem Zeitgeist unserer Gesellschaft geschuldet, dass man immer wieder denkt man müsse etwas tun. Doch dabei verpasst man dann wieder so viele schöne Momente.
        Ich denke das muss man in der Tat erst einmal lernen. Einfach hinzusehen und dabei die Schönheit des Lebens bewundern. Sei es die Schönheit einer erblühenden Blume oder auch das Vorbeiziehen der Wolken.
        Sehr gerne sitze ich da auf dem Balkon, schweige und nehme einfach nur den Moment auf.

        Ich habe einige Zeit gebraucht und bin noch dabei das zu lernen, dass ich nicht immer produktiv sein muss, sondern auch einfach sein darf.

        Lg

        Gefällt 1 Person

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