Die Reise aus der Unendlichkeit in die Endlichkeit des Leben

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Mit 40 Jahren begann ich mich mit dem Älterwerden zu beschäftigen. Der Tod war noch graue Theorie – obwohl ich bereits 8 Jahre zuvor an einer buddhistischen Begräbniszeremonie, der Verbrennung eines Menschen am Meeresufer in Sri Lanka, teilgenommen hatte. In der intensiven Meditationsschulung in einem buddhistischen Kloster war eine unserer Aufgaben, nicht nur über den eigenen Tod, sondern auch über den Tod der liebsten Angehörigen zu meditieren. Ich kann mich noch sehr gut an den Schrecken erinnern, der immer wieder in mir auftauchte. Der Tod an und für sich erschreckte mich nicht, aber das abgrundtiefe Gefühl des Verlustes und der Trauer. Doch wäre ich nicht so in die Tiefe gegangen, wäre ich am Ende dieses Prozesses nicht zur Akzeptanz gelangt.

Die Akzeptanz von Tod und Sterben macht frei von Angst.

Die Akzeptanz von Tod und Sterben macht nicht frei von den Gefühlen des Verlustes und der Trauer. Diese Gefühle sind beim Erleben des Todes nach wie vor da. Und das ist gut so. Alle Gefühle sind gut, keines ist schlecht. Doch die Gefühle sind nicht mehr scheinbar abgrundtief. Sie sind willkommen. Die Abgrundtiefe entstand aus der Angst vor diesen Gefühlen. Somit befreite die Akzeptanz von dieser Angst.

„Traurigkeit ist sehr tief.
Nimm sie an. Genieße sie.
Spüre sie ohne Zurückweisung“ *)

Die Sache mit dem Älterwerden war wieder eine andere Erfahrung – darüber haben ich in meinem Blog-Beitrag „Wie sich die 50-jährige das Alter vorstellte und die 67-jährige es erlebt“ geschrieben.
(https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/28/das-alter-und-ich/)

Aber damit ist die Erfahrungsgeschichte natürlich noch nicht zu Ende.
Zu Ende wird sie erst sein mit meinem Ende – dem Tod.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wer weiß das schon.
Bis dahin geht es weiter und weiter. Jetzt – mit dem Altsein.

Und mit meinen 68 Jahren sage ich – „ja, ich bin alt“.

Nein, ich bin nicht am Älterwerden und schon gar nicht am „eh’ noch jung sein“. Nein, ich bin alt. Und mit diesem Gefühl des Altseins, kommt die innerste Erfahrung und Gewissheit der Endlichkeit. Nicht ein Erschrecken, sondern ein – einmal tief durchatmen – wenn das Gefühl der Endlichkeit in mir spürbar wird. Sie begleitet mich von nun an.

Ich bin sehr dankbar für das Gefühl der Unendlichkeit in meinen früheren Jahren in allen Lebensbereichen – sonst hätte ich vieles nicht so angstfrei und unbekümmert gemacht, wie ich es gemacht, gelebt und erlebt habe.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich jetzt mit meinem Gefühl der Endlichkeit in mir, noch immer neugierig auf die Welt und Welt erleben bin. Jedoch anders als früher.

„Ich freue mich auf den Frühling. Ich genieße die wechselnden Jahreszeiten jetzt viel mehr, könnte es doch immer die Letzte sein“ sagte ich zu meinem jüngeren Gegenüber.
Ein erschrecken und ein aufmuntern wollen war die Antwort.
„Aber nein – ich bin nicht traurig und auch nicht krank. Aber ja, es geht mir gut! Es geht mir sehr gut!“
Ich merkte, dass die Endlichkeit meinem Gegenüber zwar bewusst ist, aber nicht gespürt wird. Noch nicht, und das ist gut so.

Der Tod begleitet mich. Er steht hinter mir und manchmal flüstert er mir über die Schulter etwas zu. Er weiß, er ist akzeptiert. Er weiß es, und deshalb meldet er sich immer wieder zu Wort. Und seine Worte sind gut – weise und hilfreich. Wenn er in naher Zukunft an meiner Seite gehen wird, werden wir befreundet sein. Doch Freundschaft braucht seine Zeit um zu wachsen und sich bedingungslos gut zu sein.

*)
„Traurigkeit hat eine Melodie – Traurigkeit ist sehr tief.
Nimm sie an. Genieße sie. Spüre sie ohne Zurückweisung,
und du wirst sehen, dass sie dir viele Geschenke macht,
die Glück dir nie geben kann.“
(Osho)

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7 Kommentare zu „Die Reise aus der Unendlichkeit in die Endlichkeit des Leben

    1. Lieber Ingo, danke für deinen Kommentar.
      Ja, es tut weh – ich habe auch geschrieben: „Die Akzeptanz von Tod und Sterben macht nicht frei von den Gefühlen des Verlustes und der Trauer. Diese Gefühle sind beim Erleben des Todes nach wie vor da.“
      Es wäre ein Verlust, wären wir frei von Gefühlen.
      Was ich auch gelernt habe ist, jedes Gefühl zu begrüßen. So wie Osho gesagt hat: „Nimm sie an. Genieße sie. Spüre sie ohne Zurückweisung, und du wirst sehen, dass sie dir viele Geschenke macht, die Glück dir nie geben kann.“
      Es klingt zwar paradox – aber so ist es.
      Wenn ich mich in ein Gefühl – sei es nun Trauer, Zorn, oder was auch immer – wirklich ganz hineinfallen lasse, ist gleichzeitig eine „Glücksseligkeit“ in mir. Aber wirklich nur, wenn ich dieses Gefühl ganz zulasse. Es klingt unglaublich, aber so ist es. Ich denke da an ein Kind, das sich z.B. ganz in seinen Schmerz hineinfallen lässt – es sieht untröstlich aus, es zerfließt vor Schmerz und Tränen. Viele Erwachsene wissen dann nicht, was sie tun sollen, denn es ist, als ob sich das Kind auflöst in dem Gefühl und es sei „unendlich“. Womit wir wieder bei der „Unendlichkeit“ wären. 😉
      Aber nein, es ist nicht unendlich. Plötzlich steht das Kind auf und strahlt und lacht und ist das fröhlichste Kind der Welt! So ist das, wenn man ein Gefühl ganz durchlebt …

      Und jetzt ganz kurz noch: Ja, keine Angst vor dem Tod zu haben bedeutet auch – keine Angst vor dem Leben zu haben!

      Danke dir für deine Kommentare – bringen mich immer zum nachdenken … 🙂
      LG Monika

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  1. Hallo Monika letzte Woche war ich bei einer Verabschiedung, die mir sehr nahe ging. Ich denke oft über die Endlichkeit nach obwohl ich ein fröhlicher Mensch bin. Ein Entwurf über das Thema liegt bereit. Ich war nicht sicher ob ich es veröffentlichen soll. Ich bin aber auch der Meinung es gehört zum Leben, also wird sich mein nächster Beitrag mit diesem Thema beschäftigen. Liebe Grüße Gabi

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    1. Liebe Gabi,
      ja, sich der Endlichkeit bewusst zu sein und gleichzeitig ein fröhlicher Mensch zu sein ist kein Widerspruch, wenn wir die Endlichkeit akzeptiert haben. Und nochmals ja, veröffentliche deinen Beitrag. Diese Themen Endlichkeit / Sterben / Tod sind noch immer Tabuthemen und es ist für viele eine Erleichterung, wenn darüber gesprochen oder auch geschrieben wird.
      Liebe Grüße Monika

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  2. Liebe Monika, danke wieder einmal für deinen schönen Text. Besonders angesprochen hat mich, dass die Abgrundtiefe von Gefühlen aus der Angst vor ihnen ensteht. Und dass die Akzeptanz von Tod nicht bedeutet, dass die Trauer verschwindet. Das sind für mich gerade sehr heilsame Gedanken, da die Alltagsfähigkeiten meiner hochbetagten Mutter gerade in die Demenz verschwinden und ich das Gefühl habe, es ist so traurig, sie zu „verlieren“, da kann ich akzeptieren was ich will …
    Herzlich, Judith

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    1. Danke dir, liebe Judith.
      Ja, es macht sehr traurig und es schmerzt – meine Mutter hat ihre letzten Tage im Hospiz verbracht, weil sie dort von ihren Schmerzen erlöst wurde – und jeder Tag war ein Stück mehr sie verlieren …
      Bin in Gedanken mit dir und umarme dich
      Herzlich Monika

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