Rückzug in die Stille für 18 Tage

Ich verbringe sehr viel Zeit in facebook. Der Kontakt mit meinem FreundInnenkreis in vielen Ländern dieser Welt ist mir sehr wichtig, genauso wie ein reger Austausch für meine Interessensgebiete Literatur, Initiativen der Zivilgesellschaft – also Gesellschaftspolitik; und jede Menge anderer Interessen. Um wieder einmal innerlich still zu werden und herauszufinden, was denn jetzt wirklich wichtig ist für mich, braucht es eine „Einkehr“.

Facebook wurde daher für diese 18 Tage gestrichen. Ein Rückzug im weltlichen Alltagsleben erfordert wieder eine eigene Achtsamkeit – anders als in der Stille des Klosterlebens.

Besinnung auf sich selbst und Einkehr bei sich selbst.

Und Staunen über das, was man vorfindet. Der Weg nach Innen ist immer auch ein Weg zu den eigenen Dämonen – jedoch auch ein Weg der Versöhnung.

Nachstehend Auszüge über diese stillen Tage aus meinem Tagebuch.  

Tag 1

Bereits das Morgenritual ist anders. Bis gestern war mein Morgenkaffee verbunden mit dem Einschalten des Computers und dem Einstieg in facebook.

Ich steh’ da mit meinem Kaffee – und siehe da – nicht das erwartete Bedauern, sondern Erleichterung! Kein sofort meinen Verstand in Gang setzen müssen und die neuesten Nachrichten lesen, vielleicht auch gleich im Kopf einen Beitrag formulieren.

Nein – Stille.

Ich setz mich mit meinem Cafe vor die Terrassentür und schau in den Garten. Das Gehirn darf noch eine Weile im Ruhemodus bleiben.

Wenn es im Inneren still ist, ist das Außen egal.

Ich gehe nach dem Einkaufen mit meinem Rucksack und einer Tasche zur Busstation. Die Busstation liegt an einer stark befahrenen Straße. Der nächste Bus fährt in 15 Minuten. Den vorherigen Bus habe ich knapp verpasst und es regnet. Ich beschließe zu warten und fühle leichten Ärger.

Habe ich einen Termin? Nein. Ich habe Zeit.

Also – warum nicht entspannen. Die Füße hüftbreit, loslassen in den Knien. Mein Rücken entspannt sich. Ich atme tief ein und aus und richte meine Aufmerksamkeit auf das Heben und Senken meines Brustbereiches und Bauches. Der Straßenlärm verklingt. Ich höre ein Rauschen und stelle mir vor, ich stehe an einem lauten Fluss. Ein und ausatmen.

Der Bus fährt vor.

Was, jetzt schon?

Siehe auch: Achtsamkeit Alltagstauglich (4. 12. 2017)

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/12/04/achtsamkeit-alltagstauglich/

 

Aus Tag 2

Ich habe jetzt mehr Zeit. Nein, so stimmt der Satz nicht.

Die Zeit ist da. Immer. Wir entscheiden, wie wir die Zeit nutzen, wie wir damit umgehen. Um Prioritäten setzen zu können, muss ich jedoch erst wissen, wo meine Prioritäten liegen. Und – jede Entscheidung hat Konsequenzen.

Siehe auch: „Jahresuhr – Gedanken über die Zeit“ (1. Jänner 2018)

https://monikakrampl.wordpress.com/2018/01/01/jahresuhr-gedanken-ueber-die-zeit/

 

Aus Tag 6

Zwei Haikus von heute morgen:

Im Morgenlicht schon

Drängt sich der alte Nussbaum

Aus der Dunkelheit

 

Auf Buddhas Scheitel

Fest sitzt die Schneehaube in

Frostiger Kälte

 

Aus Tag 8

 

 „Ich weiß sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirklich konsequent zu sein.“ (Pier Palolo Pasolini)

Ja, der Satz gefällt mir und kann ich nur zustimmen.

 

Aus Tag 11

Für eine kommende WS-Reihe habe ich die Stille zum Thema gemacht: „Raum der bewegten Stille“. Diese WS-Reihe wird über 6 Abende, beginnend Ende März, stattfinden.

Stille und Ruhe (um sich selbst zu spüren und wahrzunehmen) ist genau so wichtig, wie Bewegung. Bewegung, die aus sich selbst entsteht – z.B. freies Tanzen, um sich selbst und die Bedürfnisse des eigenen Körpers wieder wahrzunehmen.

Raum der bewegten Stille.

Stille am See

Stille im Garten

Stilles Abendrot

Und doch

Ist alles

In Bewegung

 

Tag 13

 

5 h morgens.

Das Glück der Stunden, in denen Gedichte und Geschichten einfach da sind und nur aufgeschrieben werden müssen …

 

Die Vergangenheitssteine und die Wegsteine.

In den letzten vier Jahren ist alles zusammengebrochen. Kein Stein blieb auf dem anderen. Auch mein Elfenbeinturm, in den ich mich einige Jahre vor dem Zusammenbruch verschanzt hatte, brach zusammen. Übrig blieb ein Trümmerhaufen. Ein Steinhaufen.

Zum Steinerweichen jammerte und klagte ich. Ich saß auf diesem Steinhaufen und konnte mich nicht rühren. Manchmal nahm ich einen Stein in die Hand, und sofort begann er mir seine Geschichte zu erzählen. Doch ich war noch nicht bereit. Ich legte ihn wieder sorgsam hin. Manchmal. Manchmal warf ich ihn auch hin, weil er mich zornig machte.

Eine große Trauer, großer Schmerz und Zorn war in mir. Wieder. Ich dachte, das hätte ich doch schon erledigt. Und auch das machte mich zornig. Verzweifelt.

Doch mit der Zeit spürte ich, dass all diese Gefühle nicht mehr so abgrundtief waren, wie vor langer, langer Zeit, als ich dachte, daran zu sterben, wenn ich mich ganz und bis auf den tiefsten Grund dieser Gefühle einlasse. Nein, jetzt war es anders.

Und erstaunlicherweise gab mir der Steinhaufen, auf dem ich saß, Sicherheit. Ich spürte die Kraft der Steine. Und ich begann zu begreifen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich griff nach verschiedenen Steinen und begriff gleichzeitig. Jeder Stein war ein Puzzlestück aus meiner Vergangenheit und hatte seine eigene Geschichte und seine eigene Qualität.

Es gibt die Vergangenheitssteine mit all den alten Geschichten meiner Vergangenheit. Und ich begann damit am Rande meines Gartens eine halbkreisförmige Vergangenheitsmauer zu bauen. Eine Mauer, die gleichzeitig Schutz für die Pflanzen, Blumen, Sträucher und Bäume ist. Die Sonne bescheint diese Mauer und jeder Stein strahlt seine Wärme aus in den Garten. Auch auf meinen Sitzplatz, geborgen und beschützt durch die Vergangenheitsmauer.

Dann gibt es noch die Wegsteine. Sorgfalt, Ruhe und Achtsamkeit war notwendig, um die Steine zu sortieren. Was ist ein Vergangenheitsstein und was ist ein Wegstein.

Die Wegsteine beinhalten all die Erfahrungen und das Wissen, das ich mir auf meinem Lebensweg erworben habe. Erfahrung und Wissen, das mir heute sehr nützlich ist und mich weiter begleitet auf meinem Weg. Und ich begann einen Weg auszulegen in meinem Garten. Es ist ein breiter Weg. Die Steine sind abgeschliffen. Sie lassen sich fugenlos aneinander reihen, so dass ich den Weg auch nachts gehen kann, ohne zu stolpern.

Dieser Weg führt auch hinaus aus meinem Garten. Und ich merke, dass es noch nicht genug wegsame Steine gibt. Manchmal wird der Weg auch etwas unwegsam. Es gibt die Gefahr zu stolpern. Doch ich stürme nicht mehr so dahin wie in meinen früheren Jahren – über Stock und Stein. Ruhe und Achtsamkeit ist jetzt gefordert in unwegsamem Gelände. Ich bin noch nicht fertig mit Erfahrungen sammeln.

 

Tag 18

Vorbereitung auf die Rückkehr.

Und das Wissen / der Wunsch – der nächste Rückzug in die Stille wird wieder einmal ein Rückzug in die Stille eines Klosters werden …

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare zu „Rückzug in die Stille für 18 Tage

  1. Liebe Judith, das freut mich, dass dich mein Text anregt! Kann ich empfehlen! 🙂
    Ich brauche diese Stille immer wieder in meinem Leben – wie Wasser zum Brot – lebensnotwendig. Wobei es diesmal „nur“ eine digitale Stille und eine reduzierte Alltagsstille war. Es war gut so!
    Jedoch ich merke, es hat meine Sehnsucht nach klösterlicher Stille verstärkt. Oder – so wie eine Freundin von mir seit ein paar Tagen eine Hütte in den Bergen hütet …

    Alles Liebe Monika 🙂

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  2. Liebe Monika, danke für diesen Text und für die Idee – ich glaube ich werde mir an dir ein Beispiel nehmen und mich zur Fastenzeit dann auch mal in eine digitalfreie Stille begeben…. herzlich, Judith

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    1. Liebe Judith, das freut mich, dass dich mein Text anregt! Kann ich empfehlen! 🙂
      Ich brauche diese Stille immer wieder in meinem Leben – wie Wasser zum Brot – lebensnotwendig. Wobei es diesmal „nur“ eine digitale Stille und eine reduzierte Alltagsstille war. Es war gut so!
      Jedoch ich merke, es hat meine Sehnsucht nach klösterlicher Stille verstärkt. Oder – so wie eine Freundin von mir seit ein paar Tagen eine Hütte in den Bergen hütet …

      Alles Liebe Monika 🙂

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