Ein Märchen – vielleicht – oder doch nicht?

Weiher im Nebel

Hexentanz

Ihre Schwester ruft sie. Sie hört sie in ihrem Kopf. Diesmal etwas Erfreuliches. Eine bevorstehende Initiation. Erfreulich, aber trotzdem anstrengend. Mitten im Winter ins Waldviertel zu fahren, fast eine Stunde Wanderung durch den Wald bis zu ihrem geheimen Platz an einem kleinen Weiher. Die Menschen glauben noch immer, dass sie fliegen. Aber das ist nicht so. Nicht mehr. Vieles haben sie verlernt oder auch vergessen. In der Zeit, in der so viele von ihnen getötet wurden, ging viel an überliefertem Wissen verloren. Nun gut, heute fahren Hexen eben auch Auto. Die Besen stehen nur mehr zum Auskehren in der Ecke. Obwohl die Schwestern auch damals keine Besen benutzten, aber die Leut’ und deren Redereien …

Im Hintergrund hört sie nun auch die anderen Schwestern reden, und sie schaltet sich ein. Sendet ihre Botschaft. Zumindest Telefone brauchen sie keine. Nicht mal ein Smartphone oder Internet. Die Telepathie können sie noch. Ihre Gedanken haben nach wie vor viel Kraft.

Also, morgen geht es los. Sie packt ihre große Reisetasche, viele warme Sachen müssen Platz finden. Den Daunenschlafsack und warme Unterwäsche, das Tanzkleid mit Schleier und Kopfschmuck. Ein paar Leckereien und ein paar Flaschen von dem guten Wein für die Abschlussfeier. Vorher wird einen Tag und eine Nacht gefastet.

Die Tochter ihrer Hexenschwester Bettina blutet zum ersten Mal. Ihr Name darf noch nicht genannt werden. Es wird die Blutfeier geben und das Aufnahmeritual in den Hexenzirkel. Sie freut sich sehr. Die letzte Blutfeier ist bereits ein paar Jahre her. Im Wald, mitten im Winter, denkt sie sich – auch schön. Vielleicht sollte sie diese Waldgänge, die sie als junge Hexe so oft gemacht hatte, wieder öfter machen.

Sie werden zusammenkommen. 13 Frauen – Junge und Alte. Sie werden sich auf der Lichtung neben dem Weiher treffen. Und sie werden einen Tag und eine Nacht fasten und schweigen. Sie werden sich um das Lagerfeuer im Kreis in ihre Schlafsäcke legen, und die Älteste wird die Hüterin des Feuers sein. Noch ist sie nicht die Älteste – aber bald.

Das Ritual ist geheim, darüber wird nicht erzählt. Als Abschluss werden sie sich ausziehen und nackt in den Weiher springen – die junge Frau immer in ihrer Mitte. Sie werden den Weiher durchschwimmen, sich gegenseitig abrubbeln und ihre wunderschönen Tanzkleider anziehen. Rund um das Lagerfeuer werden sie dann ihren Hexentanz machen. Der Tanz ist ein uraltes Ritual. Und nachher werden sie schlemmen. Essen, trinken, singen, viel erzählen und sich krumm lachen, die Pfeife wird durch die Runde gehen, sie werden so schallend lachen, dass die Tiere des Waldes neugierig an die Lichtung kommen – bis sie in ihre Schlafsäcke kriechen und ihren Rausch ausschlafen.

So wird es sein.

(M.K., 02 01 2018)

 

 

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2 Kommentare zu „Ein Märchen – vielleicht – oder doch nicht?

  1. Wow, Monika, danke <3, so wunderbar, so ganz nach meinem Geschmack 🙂 Erinnert mich ein wenig an die Älteste 😉 Da wäre ich gern dabei gewesen, nicht nur in Gedanken … Schade, daß so viel altes Wissen verlorenging. Bei meiner 1. Regel war es kein Thema, das zu feiern. Bei meinen Töchtern wußte ich schon, daß es ein Ritual bzw eine Feier gibt, aber die wollten es nicht …

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