Ich bin nicht mehr die, die ich war

Achtsamkeit 3

Im April dieses Jahres erzählte ich  „Wie sich die 50-jährige das Alter vorstellte und die 67-jährige es erlebt.“ Am Ende der Erzählung schrieb ich: „Nein, mir fällt es nicht leicht und ich bin mitten drin. Möge die Übung gelingen.“

Nun geht das Jahr zu Ende. Im Jänner 2018 werde ich 68 Jahre alt.

Ich bin angekommen. In der Stille und im Schweigen.

In diesen 9 Monaten habe ich vieles ausprobiert. Habe experimentiert. Dachte, dass ich das was ich gemacht habe, so wie ich gelebt habe, modifizieren muss, anpassen muss – an meinen veränderten Energielevel, an meine jetzigen Bedürfnisse.

Das mit dem Anpassen, ist nicht gelungen.

Ist es doch so, als würde man mit einem neuen Kleid und vielleicht auch noch mit einer anderen Frisur, das alte Ritual nach den alten Regeln abhalten. War ich doch damit noch immer eine Gefangene meines alten Lebens. Die alten Rituale, die so gar nicht meinen jetzigen Bedürfnissen entsprechen. Den Takt meines Lebens hatte ich damit nicht gefunden. Dachte, ich muss. Ich muss nach Außen gehen. Ich darf mich nicht so zurückziehen. Ich werde menschenscheu. Eine komische Alte. Zu meinem Leben gehört doch tanzen und singen, und viele andere Interessen noch dazu. Das ist das lebendige Leben.

Ich besuchte eine Chorgruppe. Und ging nur einmal hin. Es war schön, fröhlich und lebendig. Viele liebe Menschen. Doch ich fühlte mich im falschen Leben. Inmitten all dieser Menschen fragte ich mich – was mache ich da? Warum kann ich die Lebendigkeit nicht in mir spüren? An der Oberfläche ja, aber nicht tief drinnen.

Die Tanzgruppe besuchte ich gleich gar nicht. In meinem Kalender hatte ich viele Veranstaltungen notiert, die ich dann nicht besuchte. Und meine strenge Kritikerin machte mir Vorwürfe. Du musst. Du musst doch ….

Meine wahren Bedürfnisse

Meine Sehnsucht nach Stille und Kontemplation wurde immer größer. Die erlaubte ich mir zwar in Form meiner Meditation. Aber darüber hinaus sollte ich doch …

Austreibung der dunklen Gestalten der Vergangenheit – ein Perchtenlauf

Vor vier Jahren bin ich in meine Geburtsstadt zurückgezogen. Wohne gegenüber meinem Elternhaus. Täglich, wenn ich meine Haustür öffnete, wurde ich mit meiner Vergangenheit konfrontiert. Dachte, ich habe doch in meiner Therapie schon so viel aufgearbeitet. War zornig und traurig, habe mich versöhnt. Nun wurde ich bei meinen Hundespaziergängen auf jeden Schritt und Tritt an Erlebnisse erinnert – aus meiner Kindheit, meiner Jugendzeit, meiner ersten Ehe. Die dunklen Gestalten meiner Vergangenheit drängten sich in den Vordergrund. Erinnerten an mein erlebtes Leid und erinnerten an meine Fehler, Unzulänglichkeiten, an das, was ich anders machen hätte können; an Leid, das ich anderen zugefügt habe. Ich begegnete meinen inneren Dämonen – all das hätte ganz anders sein können. Hätte ich doch. Ich begann zu zweifeln, ob meine Entscheidung, gerade hierher zurück zu kommen, richtig war.

Doch da gibt es auch die andere Seite. Meinen Sohn. Die neue Nähe und das gute Zusammensein mit ihm. Den Garten und die Tiere – Hund und Katzen. Die Geborgenheit eines zu Hause – nicht mehr am Sprung, mich nicht festlegen und eigentlich könnte ich doch auch wieder woanders hin.

Ich bin geblieben. Und einige fragten – „warum tust du dir das an?“ Und ich antwortete, weil ich nicht mit dunklen Gestalten, die jederzeit aus einer Ecke hervorspringen könnten, leben möchte. Die dunklen Gestalten brauchen das Dunkel. Sie verdunkeln das Licht in mir. Ich möchte keine Angst haben müssen. Ich möchte das Licht in mir – Liebe, Mitgefühl, Freude.

Und die Spaziergänge veränderten sich. Ich versöhnte mich mit den Teilen in mir, die noch unversöhnt geblieben waren. Ruhe kehrte ein.

Eine Befreiung, eine Erleichterung.

Und immer wieder zurück zu der Frage: Wer bin ich eigentlich?

Die Antwort:

Ich bin nicht mehr die, ich war.

Und daher auch ein „ich bin nicht mehr ich“.

Und gleichzeitig auch „ich bin jetzt endlich ich“.

 

Jetzt einmal. Für diese Phase meines Altseins. Vielleicht wird sich die Frage „wer bin ich eigentlich?“ für die Greisin noch einmal stellen.

Nein, ich muss nichts mehr. Ich darf so sein, wie ich jetzt bin.

Und ich bin jetzt anders.

Ich erlaube mir meinen Rückzug von der Außenwelt. Ich erlaube mir, mit mir allein zu sein. Die alte Form meines Ich ist nicht mehr. Ich hatte es noch immer festgehalten.

Das Alte loszulassen bedeutet Freiheit.

Wie das so ist mit dem Loslassen. Auch wenn ich es kenne und weiß, verfiel doch dieser Teil in mir, der losgelassen werden will, in Panik und versuchte allerlei Tricks, damit er weiter bleiben kann.

Und das Alte ist wie eine Mumie, die aus ihrem Grab an die frische Luft geholt wird und zu Staub zerfällt. Und ich blase den Staub in alle vier Winde.

Als ich im April die Erzählung über das Altwerden schrieb, war ich überzeugt, dass meine Zeit als Psychotherapeutin zu Ende sei. Doch auch da die Veränderung. Plötzlich verspürte ich wieder Lust Menschen zu begleiten. Und ich biete wieder ein Seminar an. Auch das wird im Jänner stattfinden. Nach meinem Geburtstag. Und ich weiß, dass dieses Seminar anders sein wird, als alle anderen Seminare, die ich geleitet habe. In meiner Vorbereitung dachte ich an Lieblingsübungen, die ich gerne mit den TeilnehmerInnen gemacht habe. Und dann sah ich mich, wie ich diese Übungen anleite, und ich merkte, dieses Bild stimmt nicht mit dem überein, wie ich jetzt bin. Und ich weiß, jetzt wird es ganz anders werden. Wie genau, weiß ich noch nicht – aber anders. Dem entsprechend, die ich jetzt bin.

Und ich weiß, ich möchte den Titel Psychotherapeutin ablegen. Es ist ein Titel, der nichts bedeutet. Nicht mehr. Er schränkt mich ein. Ich bin nicht „die Psychotherapeutin“. Ich bin viel mehr. Wenn ich alles zusammenführe – bin ich Psychotherapeutin, Meditationslehrerin, Seminarleiterin; aber vor allem die, die viel erlebt und gelebt hat und aus Lebenserfahrung schöpft.

Ich bin ein breiter Fluss, der als Quelle seinen Ursprung hoch oben im Gebirge hat. Eisig ist das Wasser, das sich durch Geröll seinen Weg sucht, über Wasserfälle nach unten stürzt, zu einem Bach, und durch viele Zuflüsse zu einem breiten Strom wird. Menschen können daraus trinken und darin baden. Aus dem eisigen Wasser ist ein warmer Strom geworden, der irgendwann ins Meer münden und sich darin auflösen wird.

Ich bin mehr als das alles und gleichzeitig Nichts.

Wie soll ich das Nichts benennen?

„Aus der Stille trete ich heraus

Und singe

Aus der Leere trete ich

Und bin

Aus der Stille trete ich heraus

Und schaffe

Und alles was ich bin und mache

Drängt wieder nur zur Stille hin.“ *)

 

Meditation und Kotemplation

Sie beschränkt sich nicht auf das Sitzen auf meinem Meditationspolster.

Der Alltag wird Meditation. Ich sitze und schaue beim Fenster raus in den Garten, ich gehe mit meinem Hund und die Gehstrecke wird immer länger.

Ich verliere das Zeitgefühl.

Ich bin einfach da

Ich sehe

Ich fühle

Nichts sonst

Es darf so sein

 

https://monikakrampl.wordpress.com/2017/04/28/das-alter-und-ich/

*) Deuter – Silence ist the answer

 

4 Gedanken zu “Ich bin nicht mehr die, die ich war

  1. liebe Monika, deine Zeilen berühren mich tief und sogar Tränen kullerten….da ist soviel Weisheit, Lebendigkeit, SEIN, Ruhe, Freude, Liebe….dein einzigartiges ICH !
    Danke dir sehr fürs Teilen.
    Wünsche dir in dieser dunklesten Zeit des Jahres, erfüllende Stille, in der du das Lied von Mutter Erde tief drinnen in dir erklingen hören mögest!
    In liebevoller Verbundenheit
    Selina

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    1. Liebe Selina, danke Dir für Deine berührenden Worte!
      Heute Nacht habe ich in einem Roman die Worte einer alten Jenischen aus meinem geliebten Waldviertel gelesen. Als die Protagonistin des Romans zu ihr sagte, dass sie dieses Lachen albern fände, sagte sie „dass Lachen nur in einem tränenfreien Leben sinnlos und albern wäre“.
      In diesem Sinne und sowieso ist das Weinen genauso wichtig wie das Lachen. Und ich freue mich über meine Tränen, die in den letzten Nächten immer wieder fließen. Eine Traurigkeit, die leicht und fröhlich macht. Klingt absurd, aber ich weiß, Du verstehst es.
      In liebevoller Verbundenheit
      Monika 🙂

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  2. Ich kann das so gut 😊 nachvollziehen: Ich bin nicht mehr die ich war. Habe bisher gedacht dass irgendwie etwas mit mir nicht stimmt wegen diesem Gefühl aber wenn ich deine Zeilen lese hat vielleicht doch alles seine Richtigkeit… Erleichterung 😅 und Neugier…
    Danke!
    Judith

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    1. Liebe Judith, ja, alles hat seine Richtigkeit. Wir müssen nur achtsam genug sein, um das für uns Richtige zu erkennen …
      Freue mich über Deine Erleichterung und Neugier 🙂
      Danke Dir!
      Alles Liebe Monika 🙂

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