Erinnerungsverfälschung

 

006

In den letzten Lebensjahren meiner Großmutter fuhr ich mit ihr jeden Sommer ein paar Tage durch ihr geliebtes Waldviertel. Sie wurde in einem kleinen Dorf nahe der tschechischen Grenze geboren. Wir ließen uns Zeit und tuckerten auf kleinen Landstraßen dahin.
Und jedes Mal verbrachten wir einen halben Tag an einem kleinen Weiher mit einem angrenzenden, klitzekleinen Campingplatz. Eine kleine Imbissbude, ein paar Sessel.
Einen dieser Sessel trug ich an den schattigen Platz unter einer großen Linde – und dort saß sie, meine Großmutter. Stundenlang und glücklich. Und sah mir beim Schwimmen zu.
Es war eine gute Zeit. Für uns beide. Und ich bin sehr glücklich über diese Erinnerungen.

Wo es uns gefiel, blieben wir stehen. Und bei unserer letzten gemeinsamen Fahrt, schleppte ich einen großen Waldviertler-Marmor-Stein aus dem Wald und nahm ihn mit. Nun liegt er vor meiner Terrasse. Eine tägliche Erinnerung an meine Großmutter.

Die bewusste Erinnerungsverfälschung?
Ich kenne mich nicht aus mit Steinen. Weiß daher nicht, ob es Waldviertler Marmor oder Quarzstein ist. Dass es Waldviertler Marmor sein könnte, gefällt mir aber besser. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es wirklich die letzte Fahrt mit meiner Großmutter war. Aber auch dieser Gedanke gefällt mir gut.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s