Als mir das Schauen verboten wurde

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Im Erdgeschoss der Hauptschule befand sich die Kochschule. Die großen Fenster gingen in den Garten, in dem sich niemand aufhalten durfte. Und schon gar nicht Buben, die im Nebengebäude untergebracht waren. Doch manchmal standen welche vor dem Fenster und machten Faxen.

Wenn sie zum Fenster hinaussah in den Garten, brüllte die Kochlehrerin – schaust du schon wieder nach den Buben?

In ihrem Elternhaus gab es den sicheren Bereich des Gartens hinter dem Haus, und den unsicheren Bereich vor dem Haus.

Wenn sie sich vor dem Haus aufhielt und zur Straße hinaussah, zischte ihre Mutter – schaust du schon wieder nach den Buben?

Sie hätte sich das nie getraut. Nach den Buben schauen. Dort nicht und da nicht. Kam sie sich doch viel zu dick vor. Sie kam sich immer zu dick und hässlich vor. Die ganze Hauptschulzeit. Kurze Zeit später, als sie dann wirklich begann sich für Buben zu interessieren – nein, auch nicht für die Buben, nur für einen – begann sie abzunehmen. Die erste Hungerzeit in ihrem Leben, der noch viele folgen sollten. Ihr ganzes Leben lang. 20 kg mehr – 20 kg weniger. Eine Pendelbewegung.

Sie traute sich auch nicht aufzuschauen. Angst. Nur nicht auffallen. Wenn sie doch einmal den Blick hob, begegnete sie den wachsamen Augen der Kochlehrerin. Und wenn diese rote Flecken am Hals hatte, begann die Brüllerei von neuem .Sie konnte nichts richtig machen. Und weil sie Angst hatte, machte sie auch nichts richtig. Sie musste die brennheißen Erdäpfel in die ganze Hand nehmen – nein, nicht mit den Fingerspitzen halten und auch nicht auf eine Gabel – in die Handfläche. Und nicht fallen lassen. Wenn jemand flüsterte, wenn jemand etwas falsch machte, blies die Kochlehrerin in ihre schwarze Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und alle standen stramm. Besonders sie. Sie war froh und erleichtert, dass ihr alles schmeckte. Wenigstens das. Andere Mädchen haben sich erbrochen, mussten ihr Erbrochenes wegwischen, sich hinsetzen und weiter essen. Am Ende der Stunde, war sie es, die noch mit einem Eimer und dem Ausreibfetzen am Boden kniete und den Boden aufwischte. Alle anderen standen bereits, ihrer Kochschürzen entledigt, bei der Tür und warteten auf sie. Ungeduldig. Welche Scham.

Beim Umkleiden im Keller vor dem Schwimmbeckenbereich traute sie sich nicht ihre Mitschülerinnen anzuschauen. Sie tat es doch. Heimlich. Hinter dem Vorhang ihrer Haare heraus. Sie kannte keine nackten Körper. Sie sah, welch schöne Unterwäsche manche anhatten. Ihre BH’s nähte die Großmutter selbst. Und ihre Unterhosen waren Pumphosen. Das waren weite Hosen aus weißer oder rosa Baumwolle, die fast bis zum Knie reichten. Auch von ihrer Großmutter genäht. Und im Winter waren sie aus dicker, fester Baumwolle, die sie noch unförmiger erscheinen ließen. Sie schämte sich in Grund und Boden.

Als sie sich mit 14 in ihren zukünftigen ersten Mann verliebte, ging ihr Blick eindeutig über die ihr gesetzten Grenzen hinaus. Heute würde sie sagen – sie sah ihn und wollte ihn. Damals – ja damals, war das nicht so eindeutig. Das Wollen – das Träumen – hatten sie ihr ausgetrieben. Träumen tat sie nur mehr in ihren Büchern, die sie las. Und mit 14 hatte sie alle Karl May-Bände die es in der kleinen Bibliothek gab, ausgelesen. 60 waren es. Und sie bewunderte Old Shatterhand. Nein, nicht Winnetou, wie alle anderen Mädchen – Old Shatterhand. Und dann – dann traf sie ihn. Sie stand mit ihrer Freundin vor dem Kino und wartete auf den Beginn des Films „Winnetou I“. Sie gingen in die Nachmittagsvorstellung. Und sie wusste, hie und da kamen ihre Eltern vorbei, nachzuschauen, ob sie sich auch wirklich nur mit ihrer Freundin traf und sich auch nicht „aufführte“. Wie hätte sie sich das getraut. Unsicherheit und Angst.

Und dann sah sie ihn – Old Shatterhand. Franz hieß er, und er stand inmitten seiner Bubenclique – der Anführer. Er war 1,91 groß, blond, markantes Kinn, und von Kopf bis Fuß schwarz angezogen. In ihr war ein Sturm von Gefühlen. Bewunderung, Liebe, Lust – von der sie damals nicht wusste, dass dies Lust war, Verlangen, Angst und Scham. Vor allem Scham. Dies war ein Gefühl, das sie noch lange in ihrem Leben begleiten sollte.

Jetzt stand er dort – ihr Held Old Shatterhand. Ihr Held, der sie erlösen sollte. Und wenn sie in der Folge sämtliche Winnetou-Filme zwei- oder dreimal sah, dann nicht nur wegen der Filmfigur, sondern wegen Franz. Und irgendwann, als sie ihre Eltern belog, und nicht mit ihrer Freundin ins Kino ging, sondern alleine, hob sie ihren Blick und schaute ihn an. Sie weiß bis heute nicht, woher sie diesen Mut nahm. Er stand unterhalb der Stufen zum Kinoeingang. Seine Freunde etwas entfernt. Sie stellte sich auf die zweite Stufe, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein, und redete ihn an. Und er schaute sie an. Dies war der Beginn einer bittersüßen Liebesgeschichte.

Doch das ist wieder eine andere Geschichte …

 

 

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4 Kommentare zu „Als mir das Schauen verboten wurde

  1. Ich liebe Deine Geschichten, oft entdecke ich eigenes darin, das ich auch so oder ähnlich erlebt habe. Old Shatterhand war auch mein Held und ich hab immer eine ähnliche Version gesucht. Leider nicht gelungen. So edel, männlich aber doch sensibel war einfach keiner 🙂 Freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

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    1. Liebe Anne, danke für deine Resonanz!
      Ja, wie das so ist mit Helden in der weiten Welt (Prärie). Zu hause sind sie meist keine Helden mehr. Mit 14 verliebt, mit 18 geheiratet – für immer und ewig sollte es sein. Doch die Ewigkeit hat bloss fünf Jahre gedauert …
      Trotzdem es waren schöne Zeiten und Jahre mit meinem Old Shatterhande 🙂
      Liebe Grüße

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