Heimkehr in die Fremde

 

017

 

Nachdenklichkeiten nach einer Heimkehr in die so genannte Heimat.

Nein, ich komme nicht aus dem Ausland zurück. Nur aus Wien. Eine Stadt, die bloß 60 km von St. Pölten entfernt ist.

Heimat ist für mich dort wo mein Zuhause und meine FreundInnen sind.

Und das kann überall auf der Welt sein.

 

Immer wieder der sich selbst, die eigene Meinung bestätigende Satz, den ich zu hören bekomme, dass es doch hier, an dem Ort, den man nie verlassen hat, am Schönsten ist: „Nun bist du doch auch wieder zurückgekommen.“

Nein, Frage ist es keine. Es ist eine Bestätigung des eigenen Denkens.

Immer wieder Abwehr: „Ich könnte nicht in Wien leben.“

Und mit diesem Satz ist jeder meiner Sätze, wie gut es mir in den 30 Jahren leben in Wien gefallen hat, wie gerne ich dort gelebt habe und wie schön es ist in dieser Stadt zu leben, überflüssig. Es wird nicht mehr angenommen. Ich komme nicht mehr an damit.

 

Diese Abwehr ist mir fremd geworden. Und doch kenne ich sie. Von früher.

Bereits als Kind hatte ich sie nicht verstanden, die Abwehr des Fremden. Mich hat sie interessiert, die Fremde. Und auch fasziniert.

Nun erzähle ich erst mal von einem Erlebnis in dieser Woche.

Ich erhalte überraschend eine Einladung von 4 Schulkolleginnen aus der Volksschulzeit zu einem Cafetreffen am Morgen. Ich habe sie gerne  angenommen, da ich durch meinen Wegzug vor über 30 Jahren keine Kontakte zu Menschen aus meiner Kindheit  mehr habe. Und wirklich neugierig war ich, wie es ihnen ergangen ist und wie sie leben.

Ich frage sie, ob sie alle noch in unserem Stadtteil wohnen. Ja, alle wohnen in ihren Elternhäusern und alle sind seit 48 Jahren verheiratet. Ich schaue erstaunt in die Runde. Wirklich alle? Eine der Frauen sagt – du schaust so erstaunt. Fragezeichen am Ende. Ich sage –  ja, ich bin wirklich erstaunt, das kenne ich nicht. Warum – fragt sie. Ich erzähle kurz, dass ich zweimal verheiratet war und einige Beziehungen hatte. Jedoch, wenn es für mich nicht mehr passte, die Beziehungen beendet hätte. Worauf lange Monologe von den vier Frauen folgen, mit denen sie beginnen ihr Beziehungsmodell zu verteidigen und zu rechtfertigen.
Doch – sie erzählen es nicht mir, sondern sich gegenseitig. Die Berichte werden auch gegenseitig jeweils mit Kopfnicken bestätigt. Ich bin von da an außen vor.

Conclusio: Das Anders-Sein / Anders-Leben – sichtbar nur durch einen Satz von mir – ein anderes Lebensmodell, das kurz aufblitzt, ist offensichtlich eine Bedrohung, so dass sie beginnen ihr Leben und ihr Beziehungsmodell über eine halbe Stunde zu verteidigen und zu rechtfertigen.
Es kommt keine Frage an mich – wie und warum / und wie ich lebe …
Es interessiert sie nicht …
Die Abwehr des Anders-Sein / Anders-Leben. Bin ich doch keine Fremde – oder schon?

Reicht es alleine andere Gedanken / andere Meinungen / andere Lebensmodelle zu haben, um zur Fremden zu werden?

Und ich denke an die Flüchtlinge und die Abwehr. Wie müssen sie diese Abwehr empfinden? Nach all dem Leid, das sie erfahren haben, und mit all ihren Ängsten und Unsicherheiten müssen sie dieser Abwehr begegnen. Eine Ahnung davon.

 

Wenn bereits Interesse und noch mehr, das Verlangen das Fremde zu erleben, in die Fremde zu gehen, zur Bedrohung wird.

Bereits als Kind, und noch mehr als Jugendliche stieß ich in meiner Familie mit meinem Interesse für fremde Länder auf Ablehnung. Mit 16 als Au pair nach England? Kommt nicht in Frage.

Sprachen lernen, der Wunsch Archäologin zu werden. Kommt nicht in Frage. Wir sind eine Arbeiterfamilie. Du darfst etwas mehr werden – Büroangestellte. Das reicht.

Wenn ich jetzt die Liste der Ablehnungen fortsetzen würde, wäre sie sehr lange. Ich schreibe an meiner Biografie, dort wird sie zu lesen sein.

Es dauerte seine Zeit, bis ich mich mit Hilfe einer Psychotherapie an mein Selbst erinnerte, an all meine berechtigten Wünsche und Träume. Und noch einmal dauerte es seine Zeit, bis ich so stark war, dazu zu stehen, ganz egal was andere Menschen dazu meinen oder wie sich mich beurteilen oder verurteilen. Auch, wenn sich die Familie – der Hort der Sicherheit? – abwendet. Der Hort der Sicherheit ist mein wertschätzender und liebevoller FreundInnenkreis, für den ich sehr dankbar bin.

Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass die Neugier auf das Fremde nie versiegt ist. Und damit auch die Neugier auf mich selbst. War ich mir doch auf längere Zeit selbst fremd geworden. Der Weg von einer verunsicherten, an sich selbst zweifelnden und ängstlichen jungen Frau zu der Frau, die ich heute bin, war ein langer. Ich bin froh, ihn gegangen zu sein.

So kann ich heute auf die Ablehnung der vier Frauen damit reagieren, dass ich aufstehe und gehe. Ich muss mich dem nicht aussetzen. Mein Interesse an deren Leben war da, ihres nicht. So ist es. Mein Weg geht weiter.

Ausgelöst wurden diese Nachdenklichkeiten durch einen Blog-Artikel meiner lieben Freundin Mirjana Petricevic:

http://mirjana-petricevic.com/de/stoerenfried/

Eine Empfehlung!

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2 Kommentare zu „Heimkehr in die Fremde

  1. Wie wichtig es doch ist, immer wieder und weiter zu stören…
    Wie inspirierend und hoffnungstragend doch andersartige Menschen sind, wenn wir uns auf sie einlassen können.
    Danke für deine Weltoffenheit.
    Und danke, liebe Monika, für deine Verlinkung.

    Ich grüsse dich als gleichgesinnter Störenfried. 😉

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    1. Aufstören / verstören / aufrütteln / durcheinanderbringen – klingt alles sehr nach Lebendigkeit … 🙂

      Danke dir, liebe Mirjana, für dein feedback!

      Liebe Grüße vom Störenfried an Störenfried 😉

      Gefällt mir

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