Die Einsamkeit der Bäume

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Unsere Gartensiedlung wurde im Jahr 1939 gegründet. Der genossenschaftlich organisierte Siedlungsbau machte es auch vielen arbeitslosen Arbeitern möglich, sich ein eigenes Haus zu bauen. Die Grundstücke sind jeweils 1.100 m2 groß, dienten sie doch in dieser Zeit dem Anbau von Nahrungsmitteln und dem Halten von Kleintieren. Meine Großeltern bauten das Haus mit eigener Hände Arbeit. So wie alle ihre Nachbarn auch. Es wurde Gemüse und Kartoffel gepflanzt, und natürlich – viele Obstbäume.

Ich, geboren 1950, konnte als Kleinkind bereits auf den Bäumen sitzen. Die Astgabeln der Bäume waren mein Rückzugsort. Als ich mein erstes eigenes Gemüsebeet mit vielleicht 4 Jahren alleine bepflanzen durfte war ich sehr stolz. Wir hatten Apfel- und Birnbäume, Marillen, Zwetschken und Kriecherl. Ribisel-, Stachelbeer- und Himbeersträucher begrenzten die einzelnen Gärten. Niemand kam damals auf die Idee Zäune aufzustellen. Und – man half sich gegenseitig – ohne Grenzen.

In der Zeit 1970 – 1980 wurden die Gemüsebeete weniger. Die ersten Hausbesitzer begannen Bäume zu entfernen. Das Obst wurde nicht mehr verwertet. Das viele Laub machte zusätzlich Arbeit. Es wurden Nadelbäume gepflanzt. Die Gärten bekamen Zäune und Thujen zur Sichtbegrenzung. Obwohl ich in der Zeit zwischen 1980 und 1990 relativ selten in meinem Elternhaus war, habe ich um jeden Baum gekämpft. Die meisten blieben stehen.

Die Gärten wurden immer leerer und leerer. Wenige Gärten gibt es noch mit den alten Obstbäumen. Jetzt werden Steingärten angelegt. Die Wiesen verschwinden und Kies wird gestreut. Auch das Rasenmähen ist zu viel. Japanische Gärten werden angelegt.

Mein Elternhaus habe ich verkauft. Die Waldbäume sind gefallen. Gut so. Und ich hoffe, die Obstbäume bleiben erhalten. Auch einen Hühnerstall und Hühner gibt es wieder im Großmuttergarten. Das gefällt mir.

Mein Sohn hat vor ca. 8 Jahren das Haus gegenüber meinem Elternhaus gekauft. Ein Garten mit einem mächtigen Nuss- und Kirschenbaum, Marillen, Weichsel, Pfirsiche, Hollunder, Ribisel, Stachelbeeren und Himbeeren. Ich bin dort eingezogen und habe mir im Garten ein Ausgedingehäuschen gebaut. Der Garten bleibt so wie er ist. Etwas verwildert, mit einer buckligen Wiese. Die muss gemäht werden. Ich mache es gern.

Oft hörte ich das Weinen der mächtigen, alten Obstbäume, wenn wieder einmal einer der großen Bäume gefällt wurde. Für mich hörte es sich an wie Walgesänge. Riesige Wurzelstöcke wurden aus der Erde gerissen. Waren diese Wurzeln mit den Wurzeln der Bäume in den Nachbarsgärten verbunden? Ich denke, ja. Vielleicht habe ich sie zu wenig getröstet. Als Kind hätte ich das getan.

Nun, als alte Frau kann ich es wieder. Sie trösten und mit ihnen sprechen, damit sie sich nicht so einsam fühlen. Ich sitze gerne in ihrem Schatten und ich lehne mich an ihre alten, moosbewachsenen Stämme. Die Rinde hat Risse. Es ist wie ein Faltenwurf, der mich an die Haut meiner Mutter im Greisenalter erinnert. Und einmal wird auch meine Haut so aussehen.  Manchmal streichle ich auch ihre alten Wunden – abgeschnittene und durch Sturm abgerissene Äste.

Und es ist mir dann, als ob sie sich mir zuneigen …

 

 

Mein Blog: „Das Gartenkind – Erinnerungsort 1“

„ … Der Apfelbaum hat einen dicken, kurzen Stamm, so dass ich sehr leicht hinaufklettern kann und mir auch mein Kleidchen nicht schmutzig mache. Die Äste bilden eine große Gabel. Ich sitze mit meiner Puppe und meinem Buch fast so bequem wie in einem der hölzernen Liegestühle. Nur auf die Ameisenstraße muss ich aufpassen. Sie führt am Stamm und an einem der dicken Äste entlang. …“

https://monikakrampl.wordpress.com/2016/08/15/das-gartenkind-erinnerungsort-i/

 

Link: Der Dokumentarfilm “Intelligente Bäume” Können Bäume tatsächlich miteinander sprechen?

https://vimeo.com/ondemand/intelligentebaeume

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