Das Alter und ich …

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Wie sich die 50-jährige das Altwerden vorstellte und die 67-jährige es erlebt

„Jedes Alter ist schön“ – sagte ich früher sehr oft.

Heute habe ich meine Schwierigkeiten damit. Mit dem Satz weniger. Aber mit dem Älterwerden. Etwas widersprüchlich. Ja, aber so ist es. Das Älterwerden. Widersprüchlich. Für mich.

Es gibt sie, die Menschen, die kein Problem mit dem Älterwerden haben. Oh ja, ich kenne sie. Es tut gut, ihnen zuzuhören und zuzusehen. Jedoch – ich gehöre nicht dazu. Nicht immer. Vielleicht hat „mein Problem“ aber weniger mit dem Älterwerden, als mit einer Erwartungshaltung zu tun. Mit einer Erwartungshaltung, die nichts mit meiner Lebens-Realität des Altwerdens zu tun hat. Darüber möchte ich erzählen.

Ich merke, dass ich Bilder, die ich mir von meinem eigenen Alter gemacht habe, loslassen muss. Sonst wird das nichts mit dem „schönen Alter“.

In meinen Bildern vom Alter war ich immer unverändert unverbraucht, unversehrt, unangreifbar. In meinen Bildern und Vorstellungen, die ich mir im Zeitraum von meinem 40. bis 50. Lebensjahr ausgedacht hatte, ging ich von meinem damaligen Körper aus – meiner scheinbar unendlichen, kraftvollen Energie. Krankheiten kamen in meinen Bildern schon gar nicht vor.

Als Berufseinsteigerin in meinen zweiten Lebens-Beruf als körperorientierte Psychotherapeutin ging ich von der Voraussetzung aus – wenn ich nur alles richtig mache, passiert mir nichts. Das „alles“ waren die körpertherapeutischen Übungen (z.B. nach Wilhelm Reich, Alexander Lowen etc.). Mein absoluter Glaube – wenn meine Energieblockaden gelöst sind und meine Energie frei fließen kann, werde ich nicht krank.

Das war nicht nur Glaube, es war schon fast ein religiöser Eifer. Und es war ein Irrtum.

Lange Zeit war es auch so. Bis auf leisen Sohlen das Alter kam.

 

Wie es begann …

 

Realität ist – seit meinem 55er hat mein Körper begonnen, sich zu verändern. Die Haut wird schlaffer und faltig. Und seit meinem 55er zeigt sich das eine oder andere Wehwehchen. Der Schock meines Lebens war mit 63 Jahren eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. Nicht nur, dass es lebensbedrohlich war und ich eine Woche im Krankenhaus verbrachte. Man hat auch festgestellt, dass meine Bauchspeicheldrüse geschädigt ist und ich auf meinen geliebten Rotwein und Schokolade verzichten sollte. Sollte. Mache ich aber nicht immer. Nicht ganz.

In der Folge war auch eine Gallenblasenentfernung notwendig. Mein erster operativer Eingriff! Entsetzen!

Auch meine Beweglichkeit und Belastbarkeit wurde und wird weniger. Sei dies nun bei Übersiedlungskartons schleppen, der Gartenarbeit, beim Wandern, beim Yoga, beim Nächte um die Ohren schlagen. Oh Gott, wovon spreche ich denn da? Wann habe ich mir das letzte Mal irgendetwas um die Ohren geschlagen …

Mein Körper, der so lange so gut funktioniert hat, lässt mich im Stich! Welch eine Enttäuschung.

 

Realität ist – seit meinem 60er wird meine Energie weniger. Meine Kräfte schwinden. Ich werde müde. Schaffe weniger als früher. Mache ein Mittagsschläfchen. Früher unvorstellbar!

Auch mein Schaffensdrang wird weniger. Ich mache nicht mehr fünf Sachen und Projekte gleichzeitig. Ja, ich habe sogar meine Praxis geschlossen.

Hatte ich doch auch hier das Bild von mir als 80jähriger Therapeutin – rastlos tätig und agil.

Eine Vorstellung, dass ich eines Tages müde der Therapie, den Geschichten und psychischen Störungen der KlientInnen sein könnte, gab es nicht. Auch nicht, dass ich eines Tages die Verantwortung nicht mehr tragen möchte. Eine Verantwortung, die mit den Jahren immer mehr wurde, da die KlientInnen immer jünger werden.

Meine Energie, die mir so unendlich erschien, wurde weniger. Welch eine Enttäuschung.

 

Realität ist – seit meinem 55er hat sich auch in der Liebe und Sexualität vieles verändert.

Meine Reflexionen darüber möchte ich nicht weiter ausführen. Obwohl es für mich kein Tabuthema ist, erzähle ich darüber nur Menschen, die respektvoll und wertschätzend damit umgehen. Hier auf fb gibt es viele, die das nicht tun. Deshalb behalte ich dies zum Großteil für mich. Nur soviel:  Ich habe monogame Beziehungen gelebt und auch Polyamorie-Beziehungen. Ich dachte nicht, dass ich eines Tages für die Männerwelt unsichtbar werden würde. Dass sich mir nicht mehr alle Blicke zuwenden würden, wenn ich einen Raum betrete. Und wenn, dann nur kurz.

Die selbstverständliche Attraktivität als Frau und Partnerin scheint mit den Jahren verschwunden zu sein. Auch eine Enttäuschung.

 

Realität ist – ich habe jahrzehntelang im Hier und Jetzt gelebt.

Nur ja nicht Sparen. Keine Kleinkrämerei. Jetzt erlauben mir meine Finanzen nicht, meine Träume, die ich für das Alter hatte, umzusetzen. Meine Träume waren ein Haus in der Toscana und durch die Welt zu reisen. Doch womit denn? Ich dachte nicht daran, dass ich, wenn ich einmal aufhören würde als Therapeutin zu arbeiten, ich von meiner Pension leben muss. War dieses Aufhören doch auch nicht vorgesehen.  Abgesehen davon bin ich aber sehr glücklich, einige längere Rucksackreisen gemacht zu haben. Hätte ich heute vielleicht nicht mehr die Kraft dazu. Und in einige Länder würde ich auch heute nicht mehr reisen.

 

Jetzt

Ich lebe in einem kleinen Häuschen mit einem großen Garten. Im Haupthaus wohnt mein Sohn. Das ist in Ordnung so. „Ausgedinge“ nannte man das früher. „Altenwohnsitz“ heute.

In Gehnähe gibt es wunderschöne Badeseen. Ich habe liebevolle und nährende Freundschaften. Ich lebe und bin auch sehr gerne alleine.

 

Ob ich noch an die Liebe glaube? Ja, natürlich!

Falls sie kommt, freue ich mich! Sehr! Falls nicht, geht’s mir auch gut.

Aus meiner LiebesBunt-Gedichtreihe:

Heute

Ist die Liebe

SommerHimmelDunkelbau

Grüne Weingärten

Silbrigglitzernde Olivenbaumblätter

Du und ich

Versteckt hinter Ginster

Im kühlen Wasser des Teiches

Ineinander verschlungen

(30. August 2016)

 

Nun von der dunklen Seite „meines“ Alterns – von dem, was alles nicht ist, zur hellen Seite – dem was ist.

Ich habe ein Grundeinkommen – die Pension. Ich komme zur Ruhe und ich habe Zeit. Wenn ich mir Zeit lasse und achtsam bin mit mir und meiner Umwelt – spüre ich Zufriedenheit und Glücksmomente. Über vieles. Auch und vor allem über Kleinigkeiten. Ich habe viel gelebt und erlebt – sehr viel. Viele Menschen suchen sich im Alter eine neue Aufgabe. Das ist gut so. Ich habe so viele Aufgaben und Fleißaufgaben erledigt, so viel gemacht und Verantwortung getragen, dass ich es mir erlaube – einfach nichts zu tun.

Wobei das mit dem Nichtstun, na ja – sogar bei der Meditation tut man nicht einfach nichts. Um ein paar Momente Nirvana / das ewige Nichts / Urgrund des Seins* zu erleben, muss man schon sehr viel tun.

Und so schreibe ich hie und da ein Gedicht und meine Gedanken nieder. So manches Mal auch auf Wunsch Texte für FreundInnen, und ich unterstütze und berate Kolleginnen. Also, doch nicht nichts …

Und meine Schatzkiste ist bis oben voll. Ich kann sie jederzeit öffnen, darin herumkramen und mich freuen.

Und so hatte das Leben der Vergangenheit im Hier und Jetzt auch seinen Sinn. Ich habe nicht das Gefühl allzu viel versäumt zu haben. Weniges vielleicht. Aber das kratzt mich nicht.

Enttäuschungen und Schmerzliches zu verbalisieren – Auszusprechen oder Aufzuschreiben, holt es aus der Dunkelheit ins Licht und die (zer)störende Kraft des Ungesagten und Ungezeigten schwindet. Es wird leichter. Und eines Tages schwindet es ganz.

Betty Davies drückte es zu ihrem 70. Geburtstag sehr drastisch aus, wenn sie meinte: „Altwerden ist nichts für Weicheier.“

„Verfallen müssen wir lernen“, sagt Thekla Carola Wied zu dem an Demenz leidenden Matthias Habich in dem Film „Sein gutes Recht“.

Ja, Verfallen muss / möchte ich lernen.

Nein, mir fällt es nicht leicht und ich bin mitten drin. Möge die Übung gelingen …

Und so könnte ich, wenn ich all die Bilder von meinem Alter, die ich mir in meiner Mittelalterphase von 40 – 50 gemacht habe, loslasse, ein zufriedenes Leben leben.

Könnte ich? Nein, kann ich …

 

* Der Begriff „Urgrund des Seins“ stammt von dem englischen Dichter Gerard Manley Hopkins: „ Ground of being, and granite of it: past all / Grasp, God“

 

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12 Kommentare zu „Das Alter und ich …

  1. Liebe Monika, ich bin auch auf dem <Weg des "älter werdens" ich bin 56. Es ist so wie du schreibst. Was man früher gedacht hat, was werden wird, wenn man/frau älter, ist so nicht eingetroffen. Es ist immer ein umdenken und akzeptieren im Gange… Aber man muss sich halt bewußt werden, das es ein Ende haben wird. Und das man sich den Weg dorthin so angenehm wie möglich machen sollte. Was aber sicher nicht immer leicht ist… Wünsche dir einen schönen Tag und freue mich schon auf deine nächsten Geschichten… Lg

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    1. Lieber Hans, die Antworten auf diesem Blog und die persönlichen Nachrichten mit Email bestärken mich darin, über mich zu erzählen. Denn alles was wir erleben, erleben andere auch. Und wenn es andere auch erleben – dann können wir uns mitteilen! Und uns mitzuteilen verbindet uns. Ich finde es daher schön und ein Dankeschön für dich, dass du dich mitteilst!Freut mich 🙂

      LG Monika

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  2. Liebe Monika, danke für diesen schönen Text. Ich bin 60 und finde mich in fast jedem deiner Gedanken und Erfahrungen wieder. Irgendwie habe ich geglaubt, ich wäre allein mit meinen schmerzlichen Altersbeginn-Erfahrungen. Es tat mir sehr gut, von deinen zu hören. Vor allem die Idee dass ich alles richtig machen könnte und dann ewig gesund und fit bleiben könnte war wohl ziemlich hybrid. Auch dass du einen geliebten Beruf schließlich aufgeben wolltest, hat mich sehr berührt denn es ging mir ebenso. Herzlich,Judith

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    1. Liebe Judith, danke für deine Nachricht und den Bericht über deine Erfahrungen. Ich war 25 Jahre lang Psychotherapeutin und habe in dieser Zeit viel über das Leben gelernt. Eines davon ist – dass wir mit nichts, was wir im Leben empfinden – unseren Ängsten und Freuden etc.; mit nichts, was wir erleben, allein sind. Nur viele, allzu viele glauben, dass es ein persönliches Versagen ist, mit etwas nicht zurecht zu kommen. Das stimmt aber nicht. Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass diejenigen von uns, die bereit sind, etwas von ihrem Leben zu zeigen, es auch tun, weil es andere stärkt und ihnen Mut macht!

      Deinen Mutter.Tochter.Reiseblog finde ich wunderbar! Und auch, dass du darüber ein Buch geschrieben hast!
      Siehst du, und da habe ich gleich eine Frage an dich. Ich war zwar schon viel auf Reisen, jedoch noch nie auf Lanzarote. Nun überlegen meine Kusine und ich – meine Kusine 56 und ich 67 – die zwei Wintermonate Jänner und Februar auf den Kanarischen Inseln zu verbringen. Wir such daher eine kleine, günstige Wohnung / ein kleines Häuschen mit 2 Zimmern am Meer. Weißt du da etwas? Oder kannst du mir Kontakte vermitteln?

      Freue mich auf deine Antwort und wünsche dir eine gute Zeit
      herzlichst Monike

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  3. Liebe Monika, ich kann dich so gut verstehen. Mir geht es ähnlich. Auch ich hatte mir das Alter anders vorgestellt, wollte lange arbeiten und mir noch einige Träume erfüllen.
    Durch die Insolvenz der Firma meines Mannes und seinen Tod vor 2 Jahren blieben mir nur Schulden statt Vorsorge. Im letzten Jahr bin ich an Krebs erkrankt. Nun habe ich meine Firma aufgegeben und werde in Rente gehen. Meine Kräfte reichen einfach nicht mehr. Die Finanzen werden allerdings nur für ein bescheidenes Leben reichen. Nach 49 Jahren Vollzeitarbeit macht mich das traurig.
    Aber man muß hinnehmen, was man nicht ändern kann. Ich wünsche dir trotzdem, dass du mit dir ins Reine kommst und eine schöne 3. Lebenshälfte (haha) erlebst.
    Liebe Grüße
    Karin

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    1. Liebe Karin, danke für deine Antwort und dein Erzählen! Meine guten Wünsche begleiten dich …
      Ja, man muss hinnehmen, was man nicht ändern kann. Und vor allem, man muss die Wünsche und Pläne loslassen und sich neu orientieren. Ich bin mit mir im Reinen – weil nach dem Durchleben von Trauer, Enttäuschung, etc. die Akzeptanz kommt. Nicht gleich – aber sie kommt. Ich habe jetzt einen Folgetext geschrieben, weil einige meinen, dass es mir nicht gut geht. Nein, mir geht es gut. Ich hoffe, dass ich das durch den Folge-Essay verständlich machen kann.
      Die liebe Grüße und alles Gute
      Monika

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  4. Wenn ich an die alten Menschen meiner Kindheit auf dem Land denke – und sie kamen mir sehr alt vor, obwohl sie kaum über 60 waren -, dann hatten sie alle dunkle Kleidung an – dunkelblau war schon farbig. Meine Mutter hat mit Mitte 60 ihr Haus verkauft und zog in eine Wohnung. Sie ist noch zweimal umgezogen, jedes Mal in eine kleinere Wohnung. Sie hat sich immer wieder von Dingen getrennt.

    Ich werde froh sein, wenn ich über 60 sein werde und keine dunkle Kleidung tragen werden, und ich hoffe, dass ich mich ebenfalls rechtzeitig von den Dingen trennen kann.

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    1. Liebe Cecilia, danke für die Aufnahme im Klub!Ich binnoch immer viel mit jüngeren Menschen zusammen und freue mich daher über jeden Kontakt in meinem Alter!

      Liebe Grüße Monika

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  5. Hallo Monika. Aufmerksam habe ich Deinen Artikel gelesen. Ich habe die 60 auch schon überschritten und mein Geschäft nach fast 40 Jahren geschlossen. Es fehlt mir nicht, obwohl mir das niemand glauben will. Ich genieße meine Freiheit. Was ich oft sah, als ich jünger war. Frauen in Pension, die alleine waren geschieden oder verlassen. Dann die finanzielle Situation oft sehr sehr schlecht. Das wollte ich vermeiden und habe etwas vorgesorgt.Darüber bin ich heute sehr froh. Aber Du bist ja nicht alleine, wenn Dein Sohn in der Nähe wohnt. Ich glaube auch noch immer, dass ich noch alles kann, aber eben nicht muß.
    Lg. Gabi

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    1. Liebe Gabi, ja, ich bin auch sehr froh, dass ich meine Praxis nicht vermisse. Es war einfach genug.
      Es geht mir auch gut. Ich wollte einfach einmal alles niederschreiben, was mir im Laufe dieses Prozesses durch Kopf und Gemüt gegangen ist. Ein Resümee ziehen.

      Einige von den als „Enttäuschung “ angesprochenen Themen haben sich mittlerweile auch erledigt / aufgelöst. Aber es war eine Zeit lang da und hat mich sehr beschäftigt. Ich genieße jetzt sehr meinen Rückzug und die Zeit für mich. Z.B. zum Schreiben. Ich schreibe nicht nur über mein Leben, sondern auch Geschichten und Gedichte. Vor allem Gedichte. Aber das wirst du ja bereits auf meiner Seite gesehen haben …

      Liebe Grüße Monika

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