Abschied in Würde

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Arno Geiger, der Autor von „Der alte König in seinem Exil“, hat in diesem berührenden Buch über die Jahre mit seinem dementen Vater geschrieben.  Mittlerweile ist sein Vater verstorben und er macht sich weiter Gedanken über Leben und Abschied. Er schreibt in einem Text, dass er in der Diskussion um Sterbehilfe und unterstützten Suizid mit Zuverlässigkeit mit dem Begriff „Würde“ konfrontiert werde.

Würde

Er höre einerseits, dass der Mensch ein Anrecht auf ein Sterben in Würde habe, was seine Zustimmung finde. Andererseits höre er, dass der langsame Verfall unwürdig sei.

Hier ein Textauszug mit seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff Würde, den ich beachtenswert und spannend finde:

„ (…) Wenn ich Letzteres höre (er meint den Verfall) und versuche, es nachzuvollziehen, kommt es mir immer vor, als hätte ich mir das Gehirn verstaucht. Wovon reden sie? Wie können Krankheit und Verfall unwürdig sein? Wie kann einem ein solch eklatanter Denkfehler unterlaufen? Doch nur, wenn man sich die wesentliche Frage – Was ist der Mensch? – gar nicht erst stellt. Eine Antwort auf die Frage, was der Mensch ist, wäre aber Grundbedingung für eine Definition des Begriffs „Würde“. Diese Frage ist überdies auf das Engste verknüpft mit allem Politischen und mit der Gestaltung unseres öffentlichen Lebens.

Etwas, was Teil der menschlichen Natur ist, kann die Würde des Menschen nicht antasten.

Denn der Mensch ist von Natur aus unvollkommen. Krankheit und Verfall sind Teil seiner Natur. Etwas, was Teil der menschlichen Natur ist, kann die Würde des Menschen nicht antasten. Was die Würde des Menschen antasten kann, ist, wie mit Krankheit und Gebrechlichkeit umgegangen wird. Ein Angriff auf die Menschenwürde besteht nicht im alters- oder krankheitsbedingten Verfall, sondern in der Abschätzigkeit, mit der über Krankheit und Verfall gesprochen wird. Ungenaues Denken hat immer etwas Verwahrlostes. Optimierungsfanatiker empfinden den eigenen Verfall als Schlag ins Gesicht. Sie sagen geschmäcklerisch: „So ein Leben ist unwürdig“. Und sie meinen sich selbst und ihre eigene, nicht ausreichend optimierbare und optimierte Natur. Mit der Leistungsfähigkeit geht ihnen die Selbstachtung verloren, die Achtung vor dem „geworfenen“ Menschen. (…)“

 

Textauszug aus dem Band „Der Mensch braucht den Menschen. Gedanken über Leben und Abschied“, herausgekommen in der Edition Kleine Zeitung Graz. Mit Beiträgen u.a. von Barbara Frischmuth, Valerie Fritsch, Marlene Streeruwitz und Josef Winkler sowie von HospizmitarbeiterInnen.

 „Der alte König in seinem Exil“ https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-alte-koenig-in-seinem-exil/978-3-446-23634-9/

 

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