Über die Wahrheit

Gedanken von Henning Mankell, William James und Sokrates

Über die Wahrheit lässt sich gut streiten und dies wird auch vielfach getan. Leider führt sie auch zu enormen Konflikten bis hin zu Kriegen, wenn Menschen und Menschengruppen der Meinung sind, die allein gültige Wahrheit zu besitzen. „Da fährt die Eisenbahn drüber“ pflegte meine Großmutter zu sagen und meinte damit, dass dies unabänderlich und für immer und ewig so sei. Wobei, wenn Menschen von Ewigkeit sprechen, dies alleine schon paradox ist, sind wir doch nicht einmal ein Wimpernschlag im Universum. Mensch und Ewigkeit ist daher etwas widersprüchlich, weshalb auch die ewige Liebe letzten Endes absurd ist. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Wahrheit ist immer provisorisch und veränderbar, sagt Henning Mankell. Und damit stimme ich ihm voll zu. Also bleiben wir bei der Wahrheit.

 

Wahrheit ist immer provisorisch und veränderbar (Henning Mankell)

Der von mir sehr geschätzte schwedische Schriftsteller, Krimiautor und Theaterregisseur Henning Mankell, ist letztes Jahr im Oktober mit 67 Jahren an Krebs verstorben.

Sein Buch „Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein“, in dem er sehr persönlich über sein Leben nach der Diagnose, die er Anfang 2014 erhalten hatte, lese ich gerade. In einer Kolumne für die Zeitung Göteborgs-Posten schrieb er: „Ich höre Menschen sagen: ‚falls‘ ich sterbe, aber zum Teufel, es heißt ‚wenn‘ ich sterbe – der Tod ist das einzige, dessen wir uns ganz sicher sein können.“ 

Mankell hat sich sowohl als Autor und Regisseur, als auch mit seinem politischen Engagement in seiner zweiten Heimat Afrika viel mit dem Begriff Wahrheit auseinandergesetzt.

In seinem letzten Roman „Die schwedischen Gummistiefel“, der jetzt erschienen ist, schreibt er nachdenklich und in knapper Sprache über das Leben mit der Einsamkeit, die Suche nach Nähe, das Alter und den Tod. In diesem Buch geht es um Lebensbilanzen und um die Erkenntnisse von Wahrheit.

Mankell glaubte aber nie, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Sie sei vielmehr „immer provisorisch und veränderbar“, schloss Mankell im März 2015 das Nachwort seines Buches. Ein halbes Jahr später war er tot.

 

„Die Welt ist unfertig und veränderbar“ (William James)

James vertritt die Auffassung, dass Wahrheit immer provisorisch ist und dem Menschen nie alle zur Wahrheitsfindung notwendigen Beweise zur Verfügung stehen. Deshalb sollte er sich für eine Option entscheiden, statt ewig alle relevanten Entscheidungskriterien zu sammeln und sich deshalb in seinen Handlungen lähmen zu lassen. (…)

Für James ist die Welt unfertig und veränderbar. Sie lässt sich folglich auch nicht in ein allgemeines philosophisches Ordnungssystem pressen. Statt einer Wahrheit geht er von einer Vielzahl von Wahrheiten aus.

(William James, 1842 – 1910, amerikanischer Psychologe und Philosoph)

 

 „Wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“ (Sokrates zugeschrieben)

Die drei Siebe des Soktrates:

  1. Das Sieb der Wahrheit: Ist es wahr?
  2. Das Sieb des Guten: Ist es gut?
  3. Das Sieb der Notwendigkeit: Ist es notwendig? 

Und eine Geschichte dazu:

„Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“ „Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht. „Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“ „Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“
„Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

 

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