5 LebensBücher

Vorleserin

Auf Anregung von Sonja Schiff, http://www.vielfalten.com/ , die auf ihrem Blog „5 LebensBücher“ von verschiedenen Frauen veröffentlicht, habe ich diese Sammlung geschrieben. Ich stelle sie jetzt mal hier in meinen brandneuen Blog. Sonja wird ihn auch noch auf ihre Seite stellen.

5 LebensBücher

Von Beginn meines Lebens an war ich erst eine begeisterte Zuhörerin und sehr bald eine fleißige Leserin. Den Grundstein legte meine Großmutter, die mir mit großer Geduld meine Bilderbücher wieder und wieder vorgelesen hat. Als mir das nicht reichte, erfand sie Geschichten, die sie mir jeden Abend erzählte. Dann kamen die Märchenbücher und mir reichte es nicht mehr, vorgelesen zu bekommen. Ich wollte selber lesen.

Mit 4 Jahren konnte ich lesen und mit 5 schreiben.

Die Auswahl von nur 5 LebensBüchern fällt mir sehr schwer, denn als 66-jährige VielLeserin gibt es natürlich sehr viel mehr an LebensBüchern.

  1. Buch

Meine erste eigene Buchreihe, an die ich mich erinnere, waren die „Gulla-Bücher“ von Martha Sandwall-Bergström. Ich denke, ich war damals 10. Mich hat dieses kleine, tapfere und fleißige Mädchen fasziniert. Entsprach es doch vollkommen meinem damaligen Verständnis vom Mädchen- und Frausein. Schwer arbeiten, sich nicht beklagen, alle gut versorgen. Aber – es ist eine Geschichte. Und in Geschichten dieser Art wird am Ende die Protagonisten, nachdem sie viel Leid ertragen hat, belohnt – und es gibt ein Happy End.

  1. Buch

Das wichtigste Buch für meine Entwicklung zu einem eigenständigen FrauenLeben ohne Leiden, Ängste und Schuldgefühle war „Wie meine Mutter“ von Nancy Friday. 1982 erschienen, war es die Entdeckung für mich. Ich war 32 und es war höchst an der Zeit aus einer einengenden und krank machenden symbiotischen Mutter-Tochter-Beziehung herauszutreten. Dieses Buch brachte mir die Erkenntnis, dass ich nicht allein mit den Problemen war, und gleichzeitig war es auch eine Erlaubnis, die Manipulationen, Schuldgefühle, Heimlichkeiten, etc. hinter mir zu lassen und erwachsen zu werden.

Ein Buch, das fast zerfällt, aber dennoch zur Erinnerung in meiner Bibliothek steht. Ein Buch, in dem es von Unterstreichungen, doppelten Unterstreichungen, Rufzeichen und Anmerkungen nur so wimmelt.

„ (…) Das Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert. Im ersten, „Mutterliebe“. schreibt sich die Autorin einen Teil ihres Zornes über die Lügen, mit denen Mütterlichkeit in unserer Gesellschaft verbrämt wird, von der Seele. Sie versucht nachzuweisen, dass fast überall, wo konventionellerweise das Wort Mutterliebe gebraucht wird, Begriffe wie Unterdrückung, Heuchelei und Verlogenheit viel eher am Platze wären. Vollkommene Liebe zwischen Mutter und Tochter werde als selbstverständlich propagiert, obwohl doch ein Eingeständnis ambivalenter Gefühle oder mütterlicher Fehlbarkeit beide Seiten dieser aufgrund desselben Geschlechtes so eigenartig eingeschworenen Gemeinschaft entlasten könnte.

In diesem Kapitel klingen bereits sämtliche Themen an, die Nancy Friday für ihre Analyse der Mutter-Tochter-Beziehung wesentlich erscheinen, vor allem aber die in ihren Augen fast schicksalhafte Abspaltung der Sexualität aus der Kommunikation von Mutter und Tochter. (…)

Sehr überzeugend ist weiterhin die Charakterisierung überenger Mutter-Tochter-Verhältnisse, in denen es nicht zur Auflösung der Symbiose gekommen ist und für die auch noch bei fortgeschrittenem Alter beider Beteiligten so anachronistische Verhaltensweisen wie Manipulation über Schuldgefühle, Heimlichkeiten, Ohnmachtsgefühle und hilflose Wut typisch sind. Was in der Mutter-Tochter-Verbindung häufig fehlt, nämlich die gegenseitige Anerkennung und Achtung von Grenzen, also persönliche Eigenständigkeit, ist in Nancy Fridays Augen auch die entscheidende Barriere für eine konstruktive Partnerschaft mit Männern. (…)„

(Marina Moeller-Gambaroff)

  1. Buch

Zwei Jahre später, 1984, kam durch meine Beschäftigung mit Yoga und Meditation Nyanaponikas Buch „Geistestraining durch Achtsamkeit“ in mein Leben.

Nyanaponika (in Deutschland als Siegmund Feniger geboren) war 57 Jahre lang buddhistischer Mönch in Forest Hermitage in Kandy, Stri Lanka. 1984 war ich auch das erste Mal in Sri Lanka und durfte ihn in Kandy kennen lernen.

Das erste Kapitel beginnt mit einem Zitat aus dem Palikanon:

Bedrängnis und Ausweg

Stets voller Furcht ist dieses Herz,

Stets voll Besorgnis ist der Geist

Durch Nöte, welche droh’n und solche, welche sind.

Furchtfreies Leben, gibt es solches denn?

O künd’es an, von mir befragt!

Geht es bei Nancy Friday um eine Analyse wie es zu Ängsten, Schuldgefühlen und Bedrängnis kommt, so geht es in Nyanaponikas Geistestraining um einen Aus-Weg.

Beides sehr hilfreich – erst das Verstehen, um dann die Möglichkeit eines Weges – was mache ich mit der Erkenntnis? – zu bekommen. Das Buch beschreibt eine Methode (buddhistischer) Geistesschulung, um zu Geistesruhe, Wissensklarheit und Achtsamkeit zu kommen. In Klammer habe ich das „buddhistisch“ deswegen gesetzt, weil man kein/e BuddhistIn sein muss, um diesen Weg zu gehen.

Buddha sagte, dass „die Achtsamkeit ein Helfer für alles“ ist. Dem stimme ich zu.

  1. Buch

Die indische Dichtung “Siddharta” hat Hermann Hesse bereits 1922 herausgebracht. Es ist nach wie vor – manchmal mehr, manchmal weniger – ein Kultbuch. Auf jeden Fall hat es mich auf meiner Reise durch Indien und darüber hinaus begleitet. Was mir sehr gut gefällt an diesem Buch ist der Hinweis darauf, dass man alles – auch die Erleuchtung – nur durch das eigene Erfahren, und nicht durch das Wissen von anderen, erlangen kann. Und – dass man sich immer wieder auf den Weg machen muss. Nicht vom ursprünglichen Beginn an, denn man nimmt ja die gemachten Erfahrungen mit – jedoch wie in einer Spirale – von einer Ebene zur anderen.

Zum Buch: Siddharta trifft auf Buddha, er erkennt auch die Richtigkeit der Lehre Buddhas und seine Erleuchtung an, jedoch zweifelt er daran dass jemand anders durch dessen Lehre zum Buddha (Erleuchteten) werden kann.

Als er nach Jahren, in denen er seinen eigenen Weg gegangen ist, wieder auf seinen Freund Govinda trifft, mit dem er von zu Hause ausgezogen ist, haben sie beide die Erleuchtung noch nicht erlangt. Er erkennt, dass er wieder ganz am Beginn eines neuen Lebens steht. Und er sieht, wie wichtig seine damalige Erkenntnis über die Nichtigkeit des gelehrten Wissens und die Wichtigkeit der eigenen Erfahrung war. Doch während es damals eher theoretische Erwägungen waren, hat er sie nun, nach seinem Kennenlernen der Welt, unmittelbar erfahren.

Auf der Suche nach seinem neuen Weg fühlt sich Siddhartha zum Fluss hingezogen und trifft  auf den Fährmann Vasudeva, den er bittet, ihn als Gehilfen anzunehmen. Vasudeva, der ebenfalls die Erleuchtung erreicht hat, lehrt ihn, dem Rauschen des Flusses zu lauschen und von diesem zu lernen.

Ob er jetzt die Erleuchtung erlangt oder nicht, das verrate ich jetzt nicht.

  1. Buch

In meiner Bibliothek stehen alle Bücher von Marlen Haushofer. Das Buch, das mich am meisten berührt, ist „Die Wand“.

Wenn die ganze Welt hinter einer Wand verschwindet, was bleibt dann? Manche verstehen den Roman als Frauenroman oder weibliche Robinsonade, wieder andere als Utopie und Zivilisationskritik. Für mich hat es von allem etwas, inklusive der psychologischen Deutung.

Marlen Haushofer: „Ob die Wand je über die Menschheit kommt, jene äußerliche Wand nämlich, von der die Apokalyptiker unter den Technikern gerne reden, kann ich nicht sagen. Aber vorstellen könnte ich es mir schon. Aber, wissen Sie, jene Wand, die ich meine, ist eigentlich ein seelischer Zustand, der nach außen plötzlich sichtbar wird. Haben wir nicht überall Wände aufgerichtet? Trägt nicht jeder von uns eine Wand, zusammengesetzt aus Vorurteilen, vor sich her? (…) eine einmal aufgerichtete Wand muss gar nicht immer als negativ angesehen werden. (…) Man sitzt rund um einen Tisch und ist – so viele Menschen, so viele Wände – weit, sehr weit von einander entfernt.“

Wenn ich mich immer wieder in ein buddhistisches Kloster zurückziehe, ziehe ich mich auch hinter eine Wand zurück – Achtsamkeit, Schweigen, das Leben verlangsamt sich.

Hiezu aus dem Buch:

„Seit ich langsamer geworden bin, ist der Wald um mich erst lebendig geworden. Ich möchte nicht sagen, dass dies die einzige Art zu leben ist, für mich ist sie aber gewiss die angemessene.“

 

Und jetzt – ein Buch, das noch nicht geschrieben ist …

Ich habe davon erzählt, dass ich erst Zuhörerin und dann Leserin war. Mit den Jahren wurde ich auch zur Schreiberin. Obwohl ich aus meiner umfangreichen Bibliothek noch jede Menge an LebensBüchern vorstellen könnte, möchte ich als 6. Buch ein Buch vorstellen, das noch nicht geschrieben ist. Na ja, zumindest nicht vollständig und nicht in einem Guss. Es gibt viele Kurzgeschichten und Gedichte, es gibt viele begonnene Erzählungen, Krimis, etc. Eigentlich ist aus jedem Genre etwas dabei.

Ich weiß noch nicht, welches Buch es wird – aber es wird mein ureigenstes LebensBuch sein.

Vielleicht etwas über die erste Reise in die Toskana?

„Er schrieb Gedichte, als sie ihn, einen schwarzhaarigen jungen Mann, schreibend und in sich selbst versunken sitzen sah. Liebe auf den ersten Blick? Sie stellte es nicht in Frage. Sie wusste nicht, wer er war und auch nicht, woher er kam. Ja, Liebe auf den ersten Blick.

Sie schrieb auch. Ansichtskarten. In einem Heuhaufen saß sie ihm auf der gelbbraun verdorrten Wiese gegenüber. Ein besonderer Sommer. Ihr erster Sommer unter der Sonne der Toskana. Sie lächelte ihn an.

Aus der Trattoria des nahen Dorfes konnte sie Musik hören – „Ti voglio tante bene“ sang Gianna Nannini. Toskana – endlich war ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Sie sah zu den fernen Hügeln, von denen in dieser blauen Stunde die gelben Ginsterbüsche wie Glühwürmchen leuchteten.

Nebeneinander lagen sie im Heuhaufen, die Finger ihrer Hände ineinander verflochten und sahen dem Vollmond zu, wie er sich hinter dem Hügel nach oben schob. Das seitlich von ihnen stehende, vertrocknete Schilf bewegte sich leicht im Abendwind. Sie konnte es hören. Eine Flasche Wein lagerte zu ihren Füßen. Sie stand auf und breitete weit ihre Arme aus.“

Oder vielleicht doch ein Krimi?

„Anna ist von der Fahrt erhitzt. Am Hügelkamm, inmitten der alten Kastanienbäume liegt ihr kleiner Hof. Sie streckt sich und genießt die warme Morgensonne auf ihrer Haut. Für einen Moment lang. Ein kühler Wind streicht um ihre Beine und sie schaut zu den Bäumen, die noch im Schatten stehen. Ihr Magen krampft sich zusammen und der Brustkorb wird eng. Das unangenehme Gefühl. Nein, denkt sie, jetzt nicht – jetzt nicht mehr. Sie nimmt die Tüte mit dem Gebäck aus dem Fahrradkorb und betritt das Haus. Kurz zögert sie, als sie über die Schwelle tritt. Dann geht sie raschen Schrittes ins Schlafzimmer. Andreas! Das Bett ist leer.

Annas Gedanken überschlagen sich. Sie versucht sie einzubremsen. Wenn die Gedanken zum Stillstand kommen, entstehen Bilder. Bilder an ein anderes leeres Bett. Sie ist 10 Jahre alt und sucht ihren Vater. Die Leerstellen in ihrem Kopf füllen sich. Bilder die sie nicht mehr sehen wollte und doch sind sie da. Sie sieht sich auf die Suche nach ihrem Vater durch das ganze Haus laufen, hinaus in den Stall und in den Garten. Dort neben dem Hackstock, inmitten der dunkelrot gefärbten Holzscheite liegt ihr Vater. Die Hacke in seiner Brust. Anna schaut auf das leere Bett. Andreas! Auch ihr Vater hat Andreas geheißen.“

 

Oder ein Gedichtband?

Das Land des Lächelns

Betreten

Mit Dir, Geliebter

 

I

Heute

Ist die Liebe türkis

Karibisches Meer

Deine Lust

Brennt Löcher

In meine Haut

 

II

Heute

Ist die Liebe gelb

Flirrende Sommersonne

Ich spüre dich

An meinem Rücken

Deine Hände auf meinen Hüften

Flirrende Lustströme

Halt mich fest

Geliebter

 

III

Heute

Ist die Liebe schwarz

Worte schwarz auf weiß

Einen Satz

Liest du

Mir

Vor

Dem Klang deiner Stimme

lauschen

 

IV

Heute

Ist die Liebe ein Regentropfen

an der Fensterscheibe

schimmernd im Kerzenschein

Dämmerstunde

Der Garten

Die Bäume

Im Dunkelwerden

Herinnen

Du und ich

………………………………….

 

In dieser mondhellen Nacht

finde ich dich, Geliebter,

der Duft von Rosmarin und Thymian

dein Leib am Stamm des Olivenbaums

dein schönes Gesicht im Lichte badend

jeder Stein leuchtet

auf dem Weg zu dir

Apollon gleich deine schlanke Gestalt

Deine kräftigen Arme erwarten mich

In der Süße dieser Nacht

So wie in vielen Mondnächten zuvor

Erinnerst du dich?

 

Nichts haben wir uns zu sagen

In diesen Nächten

Nichts Gesagtes und nichts Ungesagtes

Wenn sich der Mond spiegelt

In unseren Augen

Und Mund an Mund wir atmen

Erinnerst du dich?

 

Zeiten ziehen an uns vorbei

Gesichter die wir hatten

Und die wir jetzt sind

Der Stille lauschend

Glückselige Augenblicke

Wenn deine Arme mich halten,

Geliebter

 

 

 

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